Alles, was ich von mir weiß von Adele Griffin

Cover Alles, was ich von mir weiß

Alles, was ich von mir weiß behandelt ein Thema, das von sich aus schon ganz viel Spannungspotenzial besitzt: Gedächtnisverlust. Nicht nur, weil es spannend sein könnte aufzuarbeiten, was denn in der verlorenen Zeit geschehen ist, sondern auch, weil ich es unglaublich interessant finde, wie die Betroffenen und deren Umgebung damit umgehen. All dies habe ich mir von diesem Buch über die junge Frau Ember, die nach einem schweren Autounfall sechs Wochen ihres Lebens vergessen hat, erhofft und, wenn auch nur teilweise, aber auf außergewöhnliche Weise bekommen.

Diese Geschichte beginnt an einem Tag, an dem Ember wieder aus der Reha zurück nach Hause zu ihren Eltern gehen darf. Nach dem Unfall lag sie einige Wochen im Krankenhaus und verbrachte danach noch viele Monate in der Reha. Sie hat einige schwere Verletzungen davongetragen und musste natürlich erst mal wieder lernen mit ihrem geschwächten Körper umzugehen. Auch die vergessenen sechs Wochen vor dem Unfall verursachten ihr immer wieder Sorgen. Als sie dann wieder Zuhause ist, wird sie zwar herzlichen empfangen, aber doch auch sehr vorsichtig. Sie wird wie ein rohes Ei behandelt und fühlt sich dabei sehr schnell eingeengt von zu viel Fürsorglichkeit. Zudem merkt Ember schnell, dass ihr nicht alles gesagt wird. Zuerst ist da der junge Mann, der beim Unfall auch mit im Auto saß, aber da scheint noch viel mehr zu sein.

Embers Sicht führt uns durch ihr Leben nach der Reha und somit beginnt das Buch recht ruhig. Der Schreibstil ist gefühlsbetont und nachdenklich und beschäftigt sich viel mit Embers Gedanken. Durch den eher stillen Einstieg in die Geschichte konnte ich mich persönlich schnell und gut in Embers Gedankenwelt einfühlen und war deshalb unglaublich interessiert, wie ihr alltägliches Leben nun mit dem Gedächtnisverlust weitergeht. Auch wenn es nur sechs Wochen sind, die ihr fehlen, scheinen sich diese wie ein riesiges Loch in ihren Gedanken anzufühlen. Schließlich ist es nicht nur die Unfallnacht, die ihr fehlt. Wenn man so etwas noch nie erlebt hat, kann man sich das wahrscheinlich nicht mal im geringsten vorstellen, bei Alles, was ich von mir weiß hatte ich aber zumindest das Gefühl, dass es sich dem Thema annähern konnte.

Besonders eindringlich wurden hier auch die Reaktionen der Menschen um Ember herum beschrieben. Da waren nicht nur ihre Eltern, sondern auch Freunde oder bloße Bekannte. Niemand schien so recht zu wissen, wie man nun mit ihr umgehen sollte, was man sagen darf und was nicht. In dem Zusammenhang spielen auch die sechs vergessenen Wochen eine Rolle, denn Ember selbst scheint in dieser Zeit eine ganz andere Person gewesen zu sein, die aber niemand so richtig mehr haben will. Alle scheinen froh zu sein, dass sie wieder die alt bekannte Ember haben. Viele, viele Seiten über hat sich in meinen Augen einfach jeder verdächtig gemacht, der offensichtlich nicht alles aus- oder angesprochen hat. Genau das hat wiederum enorm zum Spannungsaufbau beigetragen. So interessant die Reaktionen der anderen Personen auch waren, so hätte ich mir doch gewünscht, dass sie mehr sein könnten als bloß stereotype und besorgte Menschen. Da wirklich alles nur aus Embers Sicht beschrieben ist, bekommt der Leser natürlich auch nur diese mit, sodass besonders ihre Eltern schnell zu nervigen, übereifrigen und nervösen Menschen degradiert werden und ihre beste Freundin oft mehr eifersüchtig als froh wirkt. Hier wären weitere Sichtweisen oder auch nur erklärende Szenen wichtig gewesen, um diese Personen aus dem Klischee herauszuholen.

Ember, die den neuen Alltag auf sich zukommen lassen soll, um die vergessene Zeit ganz von allein wieder zu bekommen, ist ein Charakter, der mich zweigespalten zurückgelassen hat. So ruhig das Buch auch angefangen hat, so schnell wird klar, dass Ember nicht immer ein leiser oder sanfter Mensch ist. Sie entwickelt mit der Zeit ihre eigene Kopf durch die Wand-Methode, die ihr vielleicht Ergebnisse bringt, irgendwann allerdings nur noch fürchterlich egoistisch wirkt. Ich suche zwar per se nicht ständig Charaktere, die ich sympathisch finden kann, aber hier fand ich die Entwicklung wirklich schade. Vor allem, weil sich dadurch viele Situationen andauernd wiederholt haben, beispielsweise Szenen, bei denen Ember viel zu spät nach Hause kam und mal wieder genervt war von der Sorge ihrer Eltern, die stundenlang gebangt hatten. Was ihr allerdings während dieser spontan Aktionen passiert, ist wiederum ziemlich faszinierend, weil sich hier eine kleine, aber intensive Liebesgeschichte entwickelt. Sie trifft Kai, Kai trifft Ember und beide werden gleich unglaublich voneinander angezogen. Eine frische Liebe, die fast surreal wirkte und beim Lesen viel Spaß machte.

Alles, was ich von mir weiß ist nicht nur ein Buch, das einen schweren Unfall, Schuldgefühle und einen Gedächtnisverlust aufarbeitet, sondern auch eine Suche nach sich selbst. Ember, die sich durch die lange Zeit in der abgeschiedenen Reha-Klinik gar nicht mehr zu kennen scheint, fühlt sich langsam wieder in sich selbst ein. Es ist ein spannendes Buch voller Geheimnisse mit einer überraschenden Wendung, die dem Gedächtnisverlust noch ein weiteres Level verpasst. Für mich war die Wendung an sich nichts, das mich vom Hocker gerissen hätte (dafür sind mir ähnliche Überraschungen in letzter Zeit zu oft begegnet), aber sie war dennoch kaum vorauszusehen und besonders die Erklärungen haben mich überzeugt. Trotz einiger Längen durch Wiederholungen empfehle ich dieses Buch allen weiter, die sich für das Thema Gedächtnisverlust interessieren.


Adele Griffin: Alles, was ich von mir weiß. Übersetzt von Birgit Salzmann. Magellan. 2015. 336 Seiten, 16,95€.


Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an Magellan und Literaturschock.

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