Autismus mal anders: Einfach, authentisch, autistisch von Aleksander Knauerhase

Cover Autismus mal anders

Auf meinem zweiten Barcamp am zweiten Tag — ich hatte also bereits drei Sessions über Autismus mit Aleksander verpasst — konnte ich auch endlich mehr zu diesem Thema erfahren. Aleksander startete mit einem Brainstorming: Was wissen die Teilnehmer*innen überhaupt über Autismus? Reizüberflutung, kam da als Antwort, leben in ihrer eigenen Welt, Inselbegabung, kommunizieren anders. Alles Dinge, die ich vorher auch bereits gehört habe. Viele davon sind jedoch nur Vorurteile, mit denen Aleksander bereits in der Session aufgeräumt hat. Danach fühlte ich mich um ganz viel Wissen reicher, wollte allerdings noch mehr lernen. Welche Möglichkeit ist da besser als sein Buch zu lesen?

Aleksander Knauerhase schreibt in Autismus mal anders über seinen Autismus — und hier ist auch schon das wichtigste Stichwort: sein Autismus. Er schreibt darüber, wie er ihn erlebt, und betont immer wieder, dass man diese Sicht nicht verallgemeinern kann. Autismus ist nun mal ein Spektrum, das habe ich in diesem Buch gelernt. Das und noch vieles mehr. Aleksander erzählt, welche Hürden ihm sein Autismus manchmal bereitet und vor allem, welche Hürden die Umwelt verursacht. Behörden und Vorurteile. Fragwürdige Therapien. Menschen, die über und oft auch für Autist*innen sprechen, dies aber gar nicht umfassend können. Menschen, die sagen: Aber das hab ich doch auch, das kennt doch jeder, stell dich mal nicht so an. Mit diesem Buch betreibt er ganz viel wichtige Aufklärungsarbeit darüber, was Autismus wirklich ist, zumindest sein Spektrum davon. Und das scheint bitter nötig zu sein, wenn man sich mal ansieht, wie Autismus sonst in der Öffentlichkeit rezipiert wird.

Die Begriffe Autismus, Autist*in und autistisch sind in der Gegenwartssprache eher negativ belegt, das zeigen allein die Einträge in Wörterbüchern, denen im Buch sogar ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Ich möchte dazu gern etwas ergänzen: Wörterbücher dokumentieren (im Idealfall), wie Wörter tatsächlich gebraucht werden. Dass es in diesem Falle kaum eine Übereinstimmung damit gibt, wie die oben genannten Begriffe korrekt gebraucht werden sollten, zeigt einmal mehr, wie wichtig die Aufklärungsarbeit ist. Solange Redewendungen wie politischer Autismus von Journalist*innen verwendet werden, solange wird der Begriff Autismus auch damit in Verbindung gebracht werden. Und auch die entsprechenden Einträge in (Gebrauchs-)Wörterbüchern werden damit nicht verschwinden, so traurig und bitter diese Nachricht jetzt auch klingen mag.

Als zusätzliches Beispiel möchte ich hier elexiko nennen, ein Online-Wörterbuch zur deutschen Gegenwartssprache. Es ist ein korpusgestütztes Wörterbuch, das heißt, dass die Erkenntnisse für die Wörterbuchartikel mit Hilfe von sehr vielen Texten gewonnen werden. In diesem Fall sind es 2,8 Milliarden Wörter aus 32 Zeitungs- und Zeitschriftenquellen aus allen Teilen Deutschlands sowie Österreich und der Schweiz (Stand: 2010) (vgl. Klosa, Annette (2011): elexiko. Erfahrungsberichte aus der lexikografischen Praxis eines Internetwörterbuchs. Tübingen: Narr. Seite 13). Schaut man dort in die Einträge zu unseren Begriffen, findet man jeweils drei Belege aus diesem Korpus, natürlich zusammen mit genauer Angabe, wann und wo dieser Text erschienen ist. Damit zeigt sich auch ganz deutlich, wie dieses Wörterbuch entsteht: Es belegt, wie die entsprechenden Begriffe in Zeitungsartikeln tatsächlich gebraucht und rezipiert werden. Im Eintrag zu Autismus findet man in einem Beleg diese Stelle: „typische Vertreter eines moralischen Autismus“, zu autistisch dieses hier: „horcht er autistisch nach innen“. An dieser Stelle muss ich Aleksander zustimmen, der ähnliche Zitate auch im Buch diskutiert hat: Was soll das denn überhaupt bedeuten? Die Begriffe Autismus und autistisch scheinen hier nicht im medizinischen Sinne benutzt zu werden, sondern metaphorisch. Auf was genau die Metapher hier verweisen soll — keine Ahnung. Das zeigt unter anderem, dass bei der Erstellung solcher Wörterbuchartikel diese Begriffe natürlich nicht absichtlich oder böswillig negativ konnotiert werden, sondern dass dies unmittelbar aus dem Sprachgebrauch kommt. Und die Schlussfolgerung daraus ist genau das, was Aleksander Knauerhase und viele andere Menschen bereits tun: Sie klären über Autismus auf und erzählen darüber, wie verschiedenen Spektren von Autismus wirklich aussehen können, in der Hoffnung, dass diese Begriffe irgendwann korrekt gebraucht werden.

Mit diesem Buch habe ich sehr viel über Autismus gelernt. Ich habe zwar auch vorher schon versucht, möglichst ohne Vorurteile an das Thema ranzugehen, aber ich bin auch kein Engel. Aber nun kenne ich die Fakten — und wenn Kolleg*innen mal wieder Autismus und Inselbegabungen in einen Topf werfen, kann ich ihnen erzählen, warum es zwar Einzelfälle gibt (Stichwort Rain Man), dass diese allerdings die absolute Ausnahme sind.


Aleksander Knauerhase: Autismus mal anders: Einfach, authentisch, autistisch. Books on Demand. 2016. 204 Seiten, 19,90€ (Taschenbuch), 14,99€ (Ebook).

Aleksander Knauerhase berichtet auch auf seinem Blog Quergedachtes über Autismus.

Einen Bericht zu einer Barcamp-Session von Aleksander findet ihr bei Literaturschock.

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