Blogtour „Das Schiff“ von Andreas Brandhorst: Intelligente Maschinen

Blogtour Das Schiff

Herzlich Willkommen zur dritten Station der Blogtour zu Das Schiff von Andreas Brandhorst. Bisher konntet ihr schon die ausführliche Rezension bei Teilzeithelden lesen und bei Seitenwinde drehte sich alles um Science Fiction, das Fiegen und den Weltall. Meine Rezension habe ich ebenfalls bereits veröffentlicht. Morgen geht es weiter mit einem Autoreninterview bei Literaturschock und am Freitag gibt es den Podcast mit Carsten Polzin, dem Programmleiter von Piper Fantasy & Science Fiction, bei Hysterika. Heute dreht sich alles um:

Künstliche Intelligenz und Intelligente Maschinen

Unendlich viele Science Fiction-Geschichten haben schon diese eine riesige Furcht des Menschen thematisiert: Wir versuchen so lange künstliche Intelligenz zu programmieren, bis sich die Maschinen schließlich selbstständig machen und uns überflügeln. Einige werden vielleicht den Dialog zwischen HAL 9000 und Dave in 2001: Odyssee im Weltraum kennen, der immer wieder sehenswert ist:

Doch woran erkennt man eigentlich künstliche Intelligenz? Intelligenz an sich ist erst mal unglaublich schwierig zu definieren und es gibt eine Vielzahl von Ansätzen. Deshalb setze ich hier auch meinen eigenen Schwerpunkt und zwar die natürliche Sprache. Intelligenz wird nämlich unter anderem oft mit der Fähigkeit zu denken und — damit zusammenhängend — mit Sprache gleichgesetzt. Dies bedeutet, dass ein intelligentes Wesen natürliche Sprache verstehen und produzieren kann, und diese Fähigkeit würde man neben der Bildung eines (Selbst-) Bewusstseins, der Möglichkeit zum kreativen und selbstständigen Denken und, optional, der Fähigkeit Emotionen zu empfinden, auch einer künstlichen Intelligenz bzw. einer intelligenten Maschine zuschreiben.

Dabei kommt es gar nicht darauf an, wie die Maschine spricht (ob sie zum Beispiel wie im Fall von HAL 9000 teilweise recht reduziert spricht), sondern ob diese in der Lage ist selbstständig neue und inhaltlich sinnvolle Sätze zu konstruieren oder ebensolche Äußerungen auch zu verstehen. Aber — mag man sich jetzt vielleicht fragen — Siri kann doch auch reden. Jein. Siri und andere Module, die Sprache „verstehen“ und beantworten können, erkennen Schlüsselworte und antworten mithilfe von Textbausteinen. Die Möglichkeiten, wie und wie viele Sätze von einem solchen System gebildet werden können, mögen zwar relativ groß sein, sind aber doch begrenzt.

»Bitte wiederholen Sie Ihre Anweisung«, sagte der Pilot des Shuttles, ein einfaches Ratiokondensat ohne nennenswerte eigene Intelligenz. (S. 25)

Die Sprachausgabe des Shuttles, in dem Adam, der Protagonist aus Das Schiff hier sitzt, besitzt offensichtlich keine echte künstliche Intelligenz, da es Adams Anweisungen nicht verstanden hat. Das könnte ein einfacher Fehler bei der Akustik gewesen sein oder es hat Adams Aussage nicht verstanden, weil dazu die Fähigkeit zur Interpretation nötig gewesen wäre.

Die Fähigkeit natürliche Sprache zu erzeugen, zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass dabei unendliche viele Sätze entstehen können. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, dass der gerade gesprochene Satz ein völlig neuer ist, den sonst noch nie jemand genau so gesprochen hat und der von anderen intelligenten Wesen dennoch verstanden werden kann. Und damit hängt dann ein eigenständiges Denken, das eine echte künstliche Intelligenz bräuchte, ganz nah zusammen.

Zu Sprache und Denken kommt natürlich noch ein (Selbst-) Bewusstsein hinzu. Pseudo-Künstliche Intelligenzen, die beispielsweise in Videospielen existieren, haben ein Bewusstsein nur insofern, dass sie nach hinterlegten Regeln und Algorithmen einen begrenzten Spielraum für ihre Reaktionen haben. Sie sind demnach in der Lage auf bestimmte Situationen angemessen zu reagieren und können also nur das ausführen, was Menschen vorher programmiert haben. Echte intelligente Maschinen wären dazu noch in der Lage diese Algorithmen selbstständig und aus eigenem Antrieb weiterzuentwickeln, und das natürlich viel schneller und effizienter, als jeder Mensch es könnte.

In den Romanen von Andreas Brandhorst sind mir bisher immer unglaublich interessante intelligente Maschinen begegnet und ich nutze diese Blogtour nun, um sie ein bisschen näher zu beleuchten. Das Schiff bietet dazu sogar noch mal mehr Input, da diese oben schon beschriebene Furcht wahr geworden ist: Die Maschinen haben sich verselbstständigt und sind nun in der Lage, über das Leben der letzten Menschen zu bestimmen. Auf den ersten Seiten des Romans findet sich auch sofort eine Beschreibung einer solchen Maschine, und zwar die von Bartholomäus, der Adam bei seinen Reisen als Mindtalker betreut:

Hatte er das? In seinem Gedächtnis gab es viele Lücken, von den Jahren geschaffen. Bartholomäus hingegen vergaß nie etwas. Er erinnerte sich an alles, an jede noch so kleine Kleinigkeit seines tausend Jahre langen Lebens. Dort stand er, ein Mann mit silberner Haut, kurzem Haar, großen grauen Augen und einer auffallend langen Nase, kein Mensch, sondern ein Avatar, ein Faktotum der intelligenten Maschinen, des Clusters, der sich auch hier unter Adams Füßen erstreckte, beziehungsweise unter der Klippe und dem aufgewühlten Meer. (S. 7)

Klingt so, als versuche Bartholomäus zumindest menschenähnlich zu erscheinen. Warum er das tut? Es wäre möglich, dass er dadurch Nähe zu seinen Mindtalkern erzeugen möchte.

Adam macht sich im Verlauf der Geschichte immer wieder Gedanken über das Wesen der Maschinen:

Können Maschinen lügen?, dachte Adam verwundert. Es geschah zum ersten Mal, dass er sich diese Frage stellte. Haben sie mich gerade belogen? (S. 39)

Eine berechtigte Frage. Wir sind daran gewöhnt, dass unsere Maschinen zuverlässig arbeiten, dass sie das berechnen und ausführen, wofür sie gebaut oder programmiert wurden, und uns das richtige Ergebnis dann präsentieren. Um zu lügen oder etwas zu verheimlichen, ist eine Intelligenz zwingend nötig, da die Maschine sich aktiv und selbstständig dafür entscheiden müsste, dies zu tun — mit der Ausnahme natürlich, wenn vorher ein Mechanismus zum Lügen programmiert wurde. Adam denkt allerdings noch weiter nach und stellt die mögliche Entscheidung der Maschinen in Frage:

Oder verfügte die KI nicht über genügend Intelligenz, um zu erkennen, dass sie seine Mission behinderte, indem sie ihm wichtige Informationen vorenthielt? (S. 47)

Seine Frage würde bedeuten, dass die Maschine vielleicht ein Bewusstsein hat und damit eigene Entscheidungen trifft, diese allerdings nicht zur Gänze durchdenken oder überblicken kann. Doch erscheint das überhaupt logisch? Adams Betreuer Bartholomäus ist wie die anderen intelligenten Maschinen ein Individualaspekt des Clusters, zu dem sich alle Maschinen zusammengeschlossen haben. Innerhalb des Clusters denken sie alle zusammen und vor allem viel schneller und komplexer als ein menschliches Gehirn es könnte. Ist es somit überhaupt möglich, dass diese Maschinen etwas nicht bedenken oder vergessen?

Könnte man sich so oder so ähnlich den Cluster vorstellen?

Zum Abschluss noch die Frage aller Fragen, über die man ganze Abhandlungen mit den verschiedensten Schwerpunkten verfassen können. Ich möchte die Lösung, die uns Andreas Brandhorst und die Maschinenintelligenz Bartholomäus hier liefern, für sich selbst stehen lassen. Über weitere Sichtweisen oder eine Diskussion über diese Frage in den Kommentaren würde ich mich allerdings sehr freuen.

»Haben Maschinen Seelen?«, fragte Adam. Die Frage stammte nicht von ihm. Sie kam aus der Vergangenheit, er hatte sie aus dem Mund einer jungen Frau gehört, die damals wichtig für ihn gewesen war. »Was fragst du da, Adam?« »Ich meine, Maschinen denken, sie denken schneller als wir Menschen und sind auch intelligenter. Aber haben sie eine Seele?« »›Seele‹ ist ein von Menschen geprägter Begriff für etwas, das vom biologischen Tod unbetroffen bleibt, für das Psychische, das angeblich ohne kausale Verbindung mit der physischen Existenz existieren kann. Es ist ein Begriff mit religiösen Konnotationen und spielt für den Cluster daher keine Rolle, abgesehen vielleicht von einigen entlegenen Subroutinen, die Forschungen in Bezug auf das Mystische in der Vergangenheit des Menschen betreiben. Verstehst du, was ich meine?«
[…] »Wir Maschinen haben ein Bewusstsein«, sagte der Avatar. »Im Sprachgebrauch der früheren Menschen wurden ›Bewusstsein‹ und ›Seele‹ oft synonym verwendet. Beantwortet das deine Frage, Adam?« (S. 111)

Andreas Brandhorst: Das Schiff. Piper. 2015. 544 Seiten, 14,99€.

Hinweis: Alle Seitenzahlen beziehen sich auf das Vorabexemplar im Ebook-Format. Ich hoffe, dass es keine nennenswerten Abweichungen zum finalen Exemplar gibt.


Gewinnspiel

Keine Blogtour ohne Gewinnspiel, wie schön! Unter allen Teilnehmern werden am Ende folgende Gewinne verlost:

1. bis 3. Preis: je eine Science-Fiction-Tasse & ein Exemplar von Das Schiff
4 & 5. Preis: je ein Exemplar von Das Schiff

Dazu bekommt ihr noch ein paar galaktische Displayputzer.

Doppelte Gewinne werden ausgeschlossen. Die Gewinner_innern werden voraussichtlich ab dem 14.10. auf Literaturschock bekannt gegeben und per E-Mail benachrichtigt.

Beantworte folgende Frage und du erhältst in den Klammern hinter der richtigen Antwort das dritte Wort für deinen Lösungssatz, welchen du bis Dienstag, 13.10., per Mail an info@literaturschock.de einschicken kannst.

Der Protagonist Adam wird in diesem Roman von der intelligenten Maschine Bartholomäus betreut, die in einem menschlich wirkenden Faktotum (Avatar) steckt. Doch welche äußerliche Auffälligkeit zeigt, dass Bartholomäus eindeutig kein Mensch ist?

1. Sein drittes Auge (integriert)
2. Seine auffallend große Gestalt (besitzt)
3. Seine silberne Haut (gehört)

Alle Informationen auf einen Blick gibt es auch noch mal bei Literaturschock.

3 Kommentare

Kommentar verfassen