Drei Bücher, die dich nach Island bringen

Vor kurzen habe ich ein Buch gelesen, das mir aufgrund der dichten und packenden Atmosphäre Angst vor einem Land, mich aber gleichzeitig auch noch sehr viel neugieriger darauf gemacht hat. Ich konnte bisher noch nicht genau begründen, warum es immer dieses Land ist, das diese Faszination in mir auslöst, aber das muss ich auch gar nicht. Es ist so und das reicht. Ganz bewusst habe ich erst drei Bücher gelesen, die in Island spielen – und das ist auch das Land, von dem ich rede. Ein Fantasy-Kinderbuch, einen historischen Roman, der eine reale Geschichte erzählt, und einen Thriller, der hoffentlich nichts mit der Realität zu tun hat.

Skógar

Island, wie viele von euch es sich vielleicht vorstellen. Diese Häuser stehen in Skógar, ein Dorf mit ungefähr 25 Einwohner*innen. (Foto: Pixabay)

Island scheint ein ganz besonderes Land zu sein, in meinem Kopf ist es das jedenfalls. Ich war noch nie dort und alles was ich davon höre oder lese, macht diese Insel für mich nur noch geheimnisvoller. Relativ kleine Fläche, darauf ziemlich wenige Menschen, ein ganz anderes Leben, als ich es kenne.

Diese Worte schrieb ich in meiner Rezension zu „Silfur – Die Nacht der silbernen Augen“ von Nina Blazon. Ich erinnere mich noch gut daran, in welchen Situationen ich die oben erwähnten Bücher gelesen habe. „Silfur“ begleitet zwei Brüder, die ihre Sommerferien in Reykjavík verbringen, und auch bei mir war es gerade schön warm. In meiner Welt gab es zwar sehr viel weniger phantastische Wesen, dennoch waren die Umstände perfekt, um mich in die Geschichte reinzufühlen. Ganz anders war es bei „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent. Es ist schon recht lang her, dass ich dieses Buch gelesen habe, doch ich hab noch im Kopf, dass hier brüllend heißer Sommer war, aber viele Teile des Romans im Winter gespielt haben. Diese Umstände haben es schwer gemacht mich einzufühlen, andererseits war es häufig bitter nötig, dass ich aufschauen und den sonnigen Tag sehen konnte, während es im Buch auf vielen Ebenen sehr dunkel war. In meinem Fazit zu diesem Buch schrieb ich vor über zwei Jahren:

Ich konnte in dieser Geschichte ganz tief in die Substanz der Menschen eintauchen und wollte gar nicht mehr hervorkommen. Mit einem Kloß im Hals, mit Aufregung und Angst habe ich langsam die Wahrheit um Agnes herausfinden dürfen, und das war eine einmalige Erfahrung.

Island im Winter

Das hier ist schon eher das Island von „Das Seelenhaus“. (Foto: Pixabay)

Experiment Island-Thriller

In „Der Stier und das Mädchen“ von Stefán Máni war es dann wieder andersrum: Beschreibungen davon, wie den Charakteren die Sonne auf die Köpfe brannte, während es hier schon längst vom Herbst in den Winter überging. Und dann saß ich eingekuschelt auf meinem Sofa – fröstlend, weil das Thema des Thrillers so krass ist.
Dieser Island-Thriller war ein Experiment für mich. Der Klappentext verrät nur relativ wenig, Hintergrund und Atmosphäre werden dort knapp umrissen. So wird dann in einer Art Prolog erzählt, wie zwei Studentinnen in Islands Einöde mit dem Auto liegen bleiben und versuchen in einem abgelegenen Bauernhof Unterschlupf zu finden. Was sie dort tatsächlich finden, ist allerdings sehr viel schrecklicher, als sie es jemals erwartet hätten. Von da an folgen Leser*innen verschiedenen Charakteren und ihren Leben, die kurz oder lang vor dem Erlebnis der beiden Studentinnen stattfanden. So wurden die Bilder, die ich aufgrund der anderen beiden Bücher in meinem Kopf hatte – unendliche, verschneite Weiten und Einsamkeit, fröhliches Stadtleben in Reykjavík mit phantastischen Wesen und lauter schmunzelnde Erzählungen über Traditionen und Essgewohnheiten der Isländer*innen – zu einem Bild, das von bedrückender Einsamkeit geprägt wurde, von Drogen konsumierenden jungen Erwachsenen in Reykjavík, von zerstörerischen Beziehungen. Mehr als 60% der Bevölkerung Islands wohnen in der Hauptstadt, der Rest der Insel ist demnach sehr dünn besiedelt. Stefán Máni hat hier also mit Reykjavík und dem einsamen Bauernhof in einem der Fjorde äußerst gegensätzliche Settings geschaffen.

Reykjavík

Blick über Reykjavík. (Foto: Daniel2005 auf Flickr, CC BY 2.0)

Stefán Máni erzählt diese Geschichte in kurzen, prägnanten Sätzen, die zunächst gewöhnungsbedürftig waren, mit der Zeit allerdings ungemein zur sprunghaften, aber eingehenden Atmosphäre beigetragen haben. Verschiedene Protagonist*innen zu verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit werden beleuchtet, sodass langsam ein Bild entsteht, wie es zu dem Zustand auf dem Bauernhof kam, den die beiden Studentinnen entdeckt haben. Diese Charaktere bestehen zum einen aus der Familie, die auf dem Bauernhof lebt, darunter die Tochter Hanna, die später nach Reykjavík gezogen ist, und ihrem Umfeld dort, bestehend vor allem aus zwei wichtigen Männern in ihrem Leben. „Der Stier und das Mädchen“ ist ein Thriller, der ganz ohne Ermittler*in auskommt, deshalb aber keineswegs an Dichte oder Spannung verliert. Von Kapitel zu Kapitel wechseln nicht nur die Charaktere, sondern auch Ort und Zeit, doch nach einigen Seiten findet man sich da zurecht.

Abgelegenes Haus in Island

Wer weiß, vielleicht kommt das hier Hannas Zuhause recht nah? (Foto: Mark Gunn auf FlickrCC BY 2.0)

Die Geschichten von Hanna zum Beispiel erleben wir sowohl auf dem einsamen Bauernhof als auch in Reykjavík, zwei Settings, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da Hanna allerdings immer wieder ein Opfer von Gewalt wird, wohin auch immer sie geht, ähneln sich diese Episoden auf erschreckende Weise. Insgesamt ist dieser Thriller sehr brutal und dabei vor allem bildlich brutal. Ich persönlich wünsche mir bei so was gern eine Vorwarnung, weil ich nicht plötzlich beim Lesen in der Bahn oder gemütlich auf meinem Sofa einen Missbrauch oder Gewalt gegen Tiere im Kopfkino haben möchte. Stefán Máni geht zwar nicht mit arg detaillierten Beschreibungen vor, aber gerade die deutlichen und knappen Worte machen es umso gruseliger. Ich hätte mir gewünscht, dass Leser*innen hier entweder rechtzeitig gewarnt werden oder dass man auf solche Details verzichten könnte. (Denn: Thriller brauchen nicht unbedingt Gewaltdarstellungen, um spannend zu sein.) Jürgen hat in seinem Podcast Hysterika Krimimimi getroffen, die ihrerseits den Autor Stefán Máni getroffen, ihn interviewt und eine Lesung mit ihm in Berlin veranstaltet hat. Auch hier erzählt Mimi unter anderem etwas zur Gewaltdarstellung im Buch und zur Gnadenlosigkeit des Autors, mit der er Schicksale schildert.

Traumziel Island?

Ein Island, das so häufig mit geruhsamer Einsamkeit, mit türkisfarbenem Meer, Fjorden, Vulkanen, Lichtspielen und den schönsten Himmeln in Verbindung gebracht wird, findet man in diesem Thriller nicht. Dafür ein bedrückendes Island mit Schicksalen und Beziehungen voller Gewalt, die sich schließlich in einer geschickt verknüpften Geschichte mit einem ausgetüftelten Ende auflösen.

Der Stier und das Mädchen

Möchte ich immer noch Island besuchen? Das fragte ich mich nach der Lektüre dieses Thrillers tatsächlich einige Male. Auch wenn ich noch so sehr hoffe, dass die Gewalt, von der Stefán Máni hier erzählt, in der Realität nicht stattfindet, seien wir doch mal ehrlich: Menschen können grausam sein, Literatur und Unsagbares gehen Hand in Hand, eine Mischung aus beidem, das ist es vielleicht. Darüber erzählt Eva-Maria vom Buchblog Schreibtrieb:

Während es bereits in antiken Sagen absolut normal ist, wenn unter den Göttern Inzest herrscht, wird derselbe den Sterblichen immer wieder zur drohenden Falle. Das Paradebeispiel des Ödipus endet nicht mit dessen Selbstentmannung.

Ich halte bis dahin an meiner Vorstellung von geruhsamer, isländischer Einsamkeit und frechen Fabelwesen fest und hoffe, dass ich irgendwann in der Lage sein werde, meine Bilder im Kopf vor Ort zu überprüfen. Bei Suse von Literaturschock habe ich eine Rezension gelesen, in der sie sich ebenfalls Gedanken über Island als Setting in diesem krassen Thriller gemacht hat:

Die sommerliche Hitze Islands überrumpelt und steht im Gegensatz zu der Gefühlskälte, mit der sich die Figuren begegnen. […] Stefán Máni schlägt mit kurzen Sätzen tiefe Wunden und es ist schwer zu sagen, ob sie je heilen werden. Dieses Buch hat Island seiner Unschuld beraubt.

Gewinnspiel

Wenn ihr jetzt neugierig auf den Island-Thriller „Der Stier und das Mädchen“ geworden seid, könnt ihr hier eines von fünf (5) Exemplaren (Taschenbuch oder E-Book für den Amazon Kindle) gewinnen. Erzählt mir doch in den Kommentaren oder per E-Mail, welches Land oder welche Region euch beim Lesen so sehr fasziniert hat, dass ihr am liebsten sofort dorthin gereist wärt.

[expand title=“Teilnahmebedingungen anzeigen“]

  • Die Teilnahme am Gewinnspiel ist bis einschließlich Sonntag, 24.12.2017, möglich. Bei mehr als fünf Teilnehmer*innen entscheidet das Los.
  • Die Teilnahme am Gewinnspiel ist ab 18 Jahren oder mit Einverständnis eines Erziehungsberechtigten möglich.
  • Mit der Teilnahme erklärst du dich damit einverstanden, dass deine Adresse oder E-Mail-Adresse im Gewinnfall an den Verlag übersendet wird, damit dieser dir dein Buch zuschicken kann. (Deine Post- und E-Mail-Adresse werden dabei ausschließlich für dieses Gewinnspiel genutzt.)
  • Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Stefán Máni: Der Stier und das Mädchen. Übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig. Edition M/Amazon Crossing. 2017, 240 Seiten.

Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an Amazon Crossing.

6 Kommentare

  • Nicole Müller

    Also Bücher, die in Schottland spielen, haben schon öfters meine Lust geweckt, dorthin zu reisen. Habe ich aber bislang noch nicht geschafft, steht aber auf der To-do-Liste :)
    LG

  • Janice

    Hallo!

    Ich habe schon ein paar Bücher von Ysra Sigurðardóttir gelesen und jedes mal Lust bekommen nach Island zu reisen.
    Jo Nesbø mach mir auch immer wieder Lust auf Norwegen und, weil ich bereits dort war, weiß ich wie schön das Land ist ;–)
    Viele Krimis/Thriller spielen in Amerika, da würde ich bestimmt Orte auch gerne mal sehen, ganz oben steht New Orleans.

    Liebe Grüße
    Janice

  • Das ist eindeutig das Perigord in Frankreich. Ich liebe die Bücher von Martin Walker und überhaupt Krimis und wenn sie dann noch in dieser Gegend spielen, dann bin ich hin und weg. Leider aber war ich bisher noch nicht dort.

  • Yvonne Hantschel

    Mich würde Australien interessieren, als Teenie hab ich die Bücher von Victoria Holt verschlungen.

  • Huhu Cindy,
    es war kein Buch, aber „Lara Croft – Tomb Raider“ war der Auslöser für meine Reise nach Kambodscha.
    Ich möchte auch kein Buch gewinnen, da mir die nordischen Thriller zu brutal sind und mein SuB hoch genug ist.
    LieGrü
    Elena

  • Gabriela Janotta-Knop

    Irland und Schottland fasziniert mich seit vielen Jahren. Ich habe viele Bücher, auch mit historischem Hintergrund, gesuchtet und möchte so gern diese mythen- und legendenbehafteten Länder in Natura sehen. Der Film Highlander war mein Auslöser. Dann die Bücher von Diana Gabaldon. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass alle tollen Sänger und Schauspieler aus diesen Ländern sind. Na ja, fast😆

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