Cassandra, eine künstliche Intelligenz mit Charakter?

Omni Illustration auf Innenklappe

Eine künstliche Intelligenz ist etwas, das schon viel mehr kann als die Maschinen, die es in der heutigen Zeit gibt — zum Beispiel selbstständig handeln oder natürliche Sprache erzeugen —, in dem Begriff selbst schwingt allerdings immer noch etwas wichtiges mit: Diese Intelligenz ist künstlich. Kann etwas Künstliches also Seele und Charakter haben? In diesem Beitrag möchte ich mich dem Schiffsintellekt namens Cassandra im Roman Omni von Andreas Brandhorst widmen und versuchen herauszufinden, ob oder wie sich diese Frage an ihrem Beispiel beantworten lässt. Cassandra wird zunächst nur „Schiff“ genannt und ist das Bordsystem, zuständig für die Navigation, Kommunikation und Beschaffung von Informationen und Daten. Damit ist es vor allem eines: Ständig anwesend. Doch so ganz ohne Namen wirkt dieses System eben genau so, wie ein System und charakterlos. Forresters Tochter Zinnober fällt diese Tatsache recht zu Beginn ihrer Reise auf und es entspinnt sich folgende Unterhaltung:

»Warum nennst du das Schiff immer nur ›Schiff‹?«, fragte Zinnober.
»Was?«
»Warum hast du ihm nie einen Namen gegeben?«
»Es heißt Sonnenwind
»Sie meint mich«, sagte das Schiff.
[…] »Möchtest du einen Namen, Intellekt der Sonnenwind
»Ich habe mir immer einen gewünscht«, erwiderte der Intellekt.
»Na bitte.« Zinnober richtete einen Hast-du-gehört?-Blick auf Forrester.
»Also gut«, sagte er. »Gib ihm einen Namen.«
»Ich nenne dich…« Zinnober zögerte. »Nein, warte. Wie möchtest du gern heißen?«
»Ich bin dir sehr dankbar, dass du mich fragst, Zinnober«, sagte der Intellekt. »Ich würde gern … Cassandra heißen.« (S. 53-54)

An dieser Unterhaltung fallen mir direkt zwei wichtige Dinge auf: Cassandra hat offenbar die Fähigkeit Sprache zu interpretieren — andernfalls wäre sie nicht in der Lage gewesen, Zinnobers Aussage auf sich zu beziehen (siehe »Sie meint mich«) — und sie wünscht sich nicht nur einen Namen, sondern möchte sich diesen auch noch selbst aussuchen und hat somit so etwas wie Vorlieben. Warum sie diesen Namen gewählt hat, erfahren wir einige Zeit später:

»[…] Ich habe den Intellekt Ihres Schiffes gefragt, und er hat es mir gesagt. Beziehungsweise sie. Cassandra ist ein weiblicher Name. Wissen Sie, was er bedeutet?«
[…] »Cassandra ist ein Name aus der griechischen Mythologie«, sagte Aurelius. »Die Griechen waren ein altes Volk auf der Erde. Wegen ihrer Schönheit bekam Cassandra die Gabe der Weissagung. Aber sie wurde auch dazu verflucht, dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenkte.«
»Ich kenne die irdischen Mythologien nicht«, ertönte die Stimme des Intellekts. »Sie sind nicht Teil meiner Datenbanken. Ich habe den Namen gewählt, weil mir sein Klang gefällt.« (S. 207-208)

Evelyn De Morgan (1855 - 1919): Cassandra

Evelyn De Morgan (1855 – 1919): Cassandra

Hiermit beweist sich wieder, dass Cassandra eine Eigenschaft hat, die man etwas Künstlichem im Normalfall nicht zuschreiben würde: Sie hat eine Meinung. Die Herkunft des Namens interessiert sie nicht, ihr hat lediglich der Klang gefallen. Ich möchte an dieser Stelle dennoch ein wenig über die griechische Cassandra erzählen. Sie war die Tochter des letzten trojanischen Königs Priamos und seiner Frau Hekabe. Die Gabe der Weissagung erhielt sie von Apollo, daraufhin wies sie weitere Annäherungen von ihm jedoch ab. Er verfluchte sie, sodass ihr niemand mehr glaubte, was am Ende dazu führte, dass sie tatsächlich den Untergang Trojas vorhersagte und nichts dagegen tun konnte (Quelle und weitere Informationen gibt es zum Beispiel in der Encyclopædia Britannica). Passiert in Omni vielleicht etwas Ähnliches mit der künstlichen Intelligenz Cassandra?

»Wenn du mich jetzt betäubst … Ich schwöre dir, dass ich bei der nächsten Gelegenheit, die sich mir bietet, deine Kernprogramme löschen werde.«
»Sie sind meine … Seele«, erwiderte Cassandra.
»Ich werde sie löschen, deine verdammte Seele, wenn du mich jetzt gegen meinen Willen behandelst!«, zischte Forrester […]. (S. 254)

Das obige Zitat zeigt sehr gut, dass Cassandra auch entgegen aktueller Befehle der Besatzung handeln kann und das scheinbar selbstständig. Nun könnte es auch sein, dass dies so ursprünglich programmiert wurde: Wenn die Besatzung in Gefahr ist, betäube sie, damit sie geheilt werden kann. Dieser Befehl steht über allem anderen. Wir wissen es nicht genau. Allerdings ist hier auch noch etwas anderes interessant: Forrester, wenn auch in einem sehr wütenden Zustand, schreibt Cassandra nun eine Seele zu, jetzt da sie einen Namen hat. Für seine Tochter Zinnober schien das schon viel länger der Fall gewesen zu sein, was auch das folgende Zitat beweist:

»[…] Und was dich betrifft … Wir wollen dich nicht zurücklassen. Es ist eine Frage der Bandbreite und Logistik, nicht wahr?«
[…] »Ich nehme an, du meinst die Übertragung meiner Kernprogramme in das ausgewählte Schiff.«
»Und auch den Transfer deiner wichtigsten Datenbanken«, sagte Zinnober. »Ich meine all das, was dich zu Cassandra macht.« (S. 394)

Mit ihrem neuen Namen Cassandra gehört das Bordsystem nicht mehr nur zum Raumschiff, sondern zum Team. Sie ist immer da, kann alles regeln und die Besatzung im Notfall sogar aus ausweglosen Situationen retten. Cassandra ist eine coole Socke, auf die der Begriff künstliche Intelligenz meiner Meinung nach nicht mehr zutrifft. Das fängt bereits damit an, dass aus einem *es* eine *sie* geworden ist. Damit ist sie nicht mehr nur eine Stimme aus dem Off, sondern Teil des Teams. Forrester und Zinnober denken an sie, schreiben ihr eine Seele zu und verlassen sich auf sie.

»Wir haben ein schnelles Schiff«, sagte Zinnober. »Wir haben Cassandra. Und wir haben uns.«
»Danke, Zinnober«, sagte der Intellekt.
»Hoffentlich genügen wir drei«, entgegnete Forrester. (S. 452)

Cassandra ist genial. Witzig. Klug. Verlässlich. Und sie hat die Lektüre von Omni noch ein Stückchen schöner gemacht. Ich hoffe, dass ich euch hiermit neben meiner Rezension noch ein wenig neugieriger auf das Buch machen konnte. Falls ja, dann habt ihr hier die Möglichkeit eine Ausgabe von Omni zu gewinnen. Bitte beantwortet mir dazu in den Kommentaren (oder als Nachricht) diese Frage:

Habt ihr schon mal einen Gegenstand eures Alltags benannt? Hat dies etwas verändert?
Teilnahmebedingungen anzeigen

  • Die Teilnahme am Gewinnspiel ist ab 18 Jahren und mit einem Wohnsitz in Deutschland, Österreich oder der Schweiz möglich.
  • Für den Postversand des Gewinns wird keinerlei Haftung übernommen.
  • Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich.
  • Der*Die Gewinner*in wird durch ein Losverfahren ermittelt und per Kommentar und per E-Mail darüber informiert.
  • Mit der Teilnahme erklärst du dich damit einverstanden, dass deine Adresse im Gewinnfall an die Veranstalter der Blogtour und an den Verlag übersendet wird und du als Gewinner*in öffentlich genannt wirst.
  • Deine Adresse und E-Mail werden dabei ausschließlich für dieses Gewinnspiel genutzt.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Das Gewinnspiel endet am 11.11.2016 um 23:59 Uhr.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogtour zu Omni von Andreas Brandhorst. Gestern hat Julia euch mit ihrer Rezension auf Teilzeithelden hoffentlich bereits ordentlich Appetit auf das Buch gemacht, morgen geht’s dann weiter bei Eva-Marias Blog Schreibtrieb mit dem Motiv der Apokalypse. Danach folgt Susannes Bericht bei Literaturschock über die Lesung auf der Frankfurter Buchmesse 2016 und den krönenden Abschluss gibt es bei Jürgen von Hysterika: ein Podcast-Interview mit Andreas Brandhorst himself.


Die Zitate in diesem Beitrag sind dem folgenden Buch entnommen:

Andreas Brandhorst: Omni. Piper. 2016. 560 Seiten, 15€.

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