Chronik der Hagzissa von Sandra Baumgärtner

Cover Chronik der Hagzissa

Es ist eine Wohltat dieses Buch in den Händen zu halten. Das digitale Cover oder auch ein Foto vom Buch mögen es gar nicht richtig zeigen, doch diese Ausgabe ist eine ganz besondere. Es handelt sich um ein Smartcover, ein gebundenes Buch mit einem weichen Umschlag, das einfach richtig angenehm in der Hand liegt. Hier kommt noch die Lederoptik und auch Haptik dazu. Das Ziel ein altes in Leder gebundenes Buch darzustellen, ist super gelungen. Sollte es die Überlegung geben, ob man sich das Ebook oder die Printausgabe kaufen möchte, plädiere ich ganz laut für letzteres.

In Chronik der Hagzissa geht es um Hanna, eine junge Frau, die im Heim aufgewachsen ist, nun zusammen mit ihrer besten Freundin Juls in einer WG wohnt und ein übernatürliches Geheimnis hat: Sie kann Heiligenscheine auf den Köpfen aller Menschen sehen. Diese haben jeweils andere Farben und Stärken und können unter anderem auch anzeigen, dass die Person bald stirbt. Nur ihre Freundin Juls weiß davon. Zur Zeit arbeitet Hanna nur des Geldes und der Beschäftigung wegen in einem Krankenhaus und bekommt zu Beginn dieser Geschichte einen neuen Vorgesetzten. Doktor Wolf Hörling eilt sein Ruf voraus: Er ist ein unglaublich gut aussehender Mann und alle Kolleginnen sind vollkommen aus dem Häuschen. Hanna ist überhaupt nicht an ihm interessiert, aber ausgerechnet sie bittet der neue Arzt um ein Date. Ab diesem Zeitpunkt scheinen die Menschen um Hanna herum plötzlich verrückt zu spielen und sich seltsam zu benehmen, sogar ihrer Oma ist es plötzlich ganz wichtig, ihr etwas Geheimnisvolles mitzuteilen.

Ein anderer Handlungsstrang, dem einige Kapitel gewidmet sind, spielt im Jahre 1584. Dort trifft sich eine Gruppe von Menschen mit verschiedenen übernatürlichen Fähigkeiten, debattiert über Hexenverfolgungen und einen neuen Feind, der immer mächtiger wird.

Die Protagonistin Hanna fand ich von Anfang an faszinierend. Nicht nur ihre übernatürliche Gabe ist spannend, sondern auch ihr Blick auf die Welt und auf andere Personen. Im Hinblick auf ihre gackernden Kolleginnen grenzt sie sich sehr ab und auch sonst ist sie ein interessanter Charakter. Ruhig und nachdenklich, aber nicht langweilig. Ihre beste Freundin Juls hingegen ist das komplette Gegenteil, denn sie ist laut, aufgeweckt und hat immer einen derben Spruch auf Lager, sodass Begegnungen mit ihr zunächst sehr erheiternd waren. Doch auch sie scheint sich plötzlich zu verändern und man fragt sich beim Lesen die ganze Zeit, was denn da los sein könnte und wartet gespannt auf eine Auflösung.

Auch die Handlung in der Vergangenheit hat mir gut gefallen, wenn man von den diversen sehr deutlich und bildlich beschriebenen Gewalttaten mal absieht. Die Gruppe der “Hexen” hat sich durch sehr eindrucksvolle Menschen zusammengesetzt und die Geschichte der Hexenverfolgungen wurde unglaublich bedrückend und eindringlich erzählt. Wie man später im informativen Nachwort von Stefanie Altmeyer erfährt, beruhte all dies leider auf realen Tatsachen.

Die erste Hälfte des Buches konnte mich ziemlich begeistern, danach ist die Geschichte zwar spannend geblieben, aber meine Begeisterung hat leider ein wenig nachgelassen. Hanna hat sich zu einem Charakter entwickelt, der plötzlich viel zu wenig nachdachte oder hinterfragte. Immer wieder gab es Andeutungen, die man als Leser langsam aber sicher und vor allem schneller als Hanna miteinander verknüpfen konnte. Das Geheimnis in dieser Geschichte ist ein ziemlich spannendes, wurde allerdings durch Hannas Verhalten und ihre Weigerung zu Akzeptieren in die Länge gezogen. Die Auflösung selbst sehe ich auch zweigespalten: Einerseits wurde ich von der Autorin ordentlich an der Nase herumgeführt und sie konnte mich erfolgreich verwirren (gute Arbeit!), andererseits wird hier viel mit Klischees gespielt, die dem Ende seine Besonderheit nehmen.

Chronik der Hagzissa behandelt die Themen Hexen und Hexenverfolgung, Freundschaft, Liebe und Manipulationen und verknüpft diese auf eine überraschende und spannende Weise, manchmal leider durchbrochen von Längen oder Klischees. Ich empfehle dieses Buch allen, die in einer packenden Geschichte lesen wollen, wie die damalige Hexenverfolgung uns auch noch in der heutigen Zeit erreichen kann.


Über die Autorin:

Sandra Baumgärtner lebt und arbeitet mit zwei Vampiren und einem römischen Statthalter in Trier. Schon früh hat sie sich mit allerlei Fantasiegestalten umgeben und versuchte, die Abenteuer ihrer imaginären Freunde aufzuschreiben. So bekritzelte sie Fotoalben mit kryptischen Zeichen (die keiner zu deuten wusste), schrieb Geheimbotschaften an Nachbarskinder (die die Notizen nicht entschlüsseln konnten), kommunizierte mit Geistern (die außer ihr selbst keiner sah) und über tote Briefkästen (die so tot waren, dass sie niemand fand). Sie reiste in ferne und ganz ferne Länder, stieß auf noch seltsamere Gestalten, als die ihrer Kindheit, und führte darüber fleißig Tagebuch. Mittlerweile betreibt sie diese Schreiberei professionell und man kann das Geschriebene angeblich sogar lesen. Langeweile gibt es bei Sandra Baumgärtner nicht. Dazu hat sie noch zu viele Ideen in ihren toten Briefkästen. (Quelle: Papierverzierer)


Sandra Baumgärtner: Chronik der Hagzissa. Papierverzierer. 2015. 416 Seiten, 14,95€.


Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an den Papierverzierer Verlag. Dieses Buch habe ich im Rahmen einer autorenbegleiteten Leserunde auf leserunden.de gelesen.

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