Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

Cover Das Licht der letzten Tage

Station Eleven, wie Das Licht der letzten Tage im englischen Original heißt, hat durch unglaublich viele begeisterte Stimmen bereits viel Staub aufgewirbelt. Auch die deutsche Ausgabe ist mit einer Kurzrezension von George R.R. Martin ausgestattet, das kann die Erwartungen doch nur in die Höhe schnellen lassen. Poetischer Schreibstil, interessante Erzählweise, ein Buch, das es so noch nicht gab. All das wird versprochen. Keine Frage: Ein tolles Buch habe ich mit Das Licht der letzten Tage tatsächlich gelesen, meine Welt hat es durch seine Großartigkeit allerdings nicht verändert.

Der Einstieg in diese Geschichte erfolgt mit einer Theateraufführung von King Lear. Shakespeare wird bis zum Ende eine wichtige Rolle spielen, genauso wie dieser Abend, der immer wieder auftauchen wird und der Personen einführt, um die es sich später immer wieder drehen wird. Dieser Abend ist allerdings nicht nur durch die Ereignisse bei der Aufführung bedeutend, sondern auch, weil zur gleichen Zeit der Beginn der Epidemie angesetzt werden kann. Die Georgische Grippe hat sich rasend schnell auf der ganzen Welt verbreitet, innerhalb von Stunden gibt es kein Krankenhaus mehr, das nicht unter Quarantäne steht, und man steckt sich schneller an als man ins Auto steigen könnte. Das sowieso nichts mehr nützen würde, weil die Straßen sofort verstopfen oder weil man innerhalb von ein paar Stunden an der Grippe stirbt.

Die Klaustrophobie des Waldes. Die ersten paar Bäume vor ihr konnte sie sehen, monochrome Kontraste von schwarzen Schatten und weißem Mondlicht, und dahinter ein ganzer Kontinent, eine endlose Wildnis, die sich von Ozean zu Ozean erstreckte, zwischen deren Ufern nur noch ganz wenige Menschen wohnten. Kirsten und August schauten auf die Straße und den Wald, aber wenn irgendetwas zurückschaute, dann war es von hier zumindest nicht sichtbar.

Das Licht der letzten Tage ist allerdings nicht nur ein post-apokalyptischer Roman, mindestens die Hälfte der Seiten spielt in der Vergangenheit, die restlichen Seite zeigen die Welt im Jahre 20 nach der Epidemie. Eine nicht lineare Erzählweise ist das, was dieses Buch auszeichnet. Die Autorin springt hier hin und her, mal ins Jahr 20, dann wieder in zum Tag der Apokalypse oder auch noch weiter zurück. Auf den ersten Blick folgt dies keinem deutlichen Muster, bereitet aber ganz viel Lesegenuss, weil sich Beziehungen und Zusammenhänge dadurch ziemlich verknoten und nur langsam auflösen. Das Spekulieren darüber, wer nun was in der neuen Welt macht oder ob überhaupt und was das denn alles mit all den Ereignissen und Beziehungen in der Vergangenheit zu tun hat, haben mir hier am allermeisten Spaß gemacht. Der Schreibstil, der tatsächlich sehr schön ist, trägt natürlich auch dazu bei. Als poetisch würde ich ihn dennoch nicht beschreiben. Natürlich gibt es poetische und schön klingende Sätze, diese herrschen allerdings nicht vor. Viele Abschnitte enthalten auch bloß viele kurze Sätze aneinander, die eher hektisch und abgehackt wirken.

Nach ein paar Stunden hörte er Schüsse in der Ferne, es knallte zweimal kurz hintereinander, und dann schloss sich die Nacht wieder über den Geräuschen, und es blieb nur Jeevan, nur das Wasser, nur die anderen verängstigten Seelen, die übrig geblieben waren.

Das Licht der letzten Tage

Stell sie dir vor, die Stille, die Dunkelheit, wenn alle weg sind, wenn in der Nacht kein einziges Licht mehr strahlt und plötzlich nur noch der Himmel leuchtet.

Am ausdrucksstärksten empfand ich hier die Atmosphäre, egal in welcher Zeit sich die Geschichte gerade aufhielt. Die Hilflosigkeit und Leere im Jahre 20, die durch die Fahrende Symphonie, die Konzerte und Shakespeare-Aufführungen gibt, wieder Hoffnung und ein wenig Licht bekommen. Das Leben eines berühmten Schauspielers in der Vergangenheit, der mehrere Leben beeinflusst. Eine Sekte in der neuen Welt, die noch mehr manipuliert. All dies wird eindrücklich beschrieben und bereichert durch einige tiefgängige Charaktere, aber auch andere, zu denen ich bis zum Schluss keinen rechten Zugang finden konnte.

Ein bisschen hält dieses Buch schon, was die vielen begeistern Meinungen versprechen: Es ist in jedem Fall ein besonderes Buch, das meine Erinnerung nicht mehr verlassen wird.


Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage. Übersetzt von Wiebke Kuhn. Piper. 2015. 416 Seiten, 14,99€.


Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an Piper und Literaturschock.

2 Kommentare

  • Hi Cindy,

    du zauberst da ein Buch aus dem Hut, das ich bis dato gar nicht kannte. Daher habe ich natürlich auch nicht mitbekommen, dass um dieses Buch viel Wirbel gemacht wurde. Es klingt durchaus interessant, was du über dieses Buch zu berichten hast. Aber irgendwie ist es für mich nicht greifbar. Das liegt sicherlich aus daran, dass es weniger in mein bevorzugtes Genre fällt. Ich werde dazu vielleicht mal noch ein paar Meinungen lesen :-)

    Liebste Grüße,
    Diana

    • Hi Diana,
      dass es nicht so greifbar ist, liegt vielleicht auch unter anderem daran, dass ich relativ wenig zum Inhalt verraten habe. Da ich aber auch in das Buch gegangen bin, ohne viel zu wissen (nur dass der Schreibstil so toll sein soll usw.) und es mich deshalb umso mehr gepackt und berührt habe, hielt ich das erst mal für das beste. Vielleicht verraten andere ja mehr und es klingt dann interessanter für dich? Und ehrlich gesagt habe ich nicht mal wirklich eine Idee, welches Genre das hier ist. Könnte ich mehrere Kategorien passen. ;)

      LG und einen wunderschönen Abend noch!
      Cindy

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