Das Medaillon von Gina Mayer

Cover Das Medaillon

In Das Medaillon erzählt Gina Mayer die Geschichten von drei jungen Frauen. Rosalie und Dorothea leben im 19. Jahrhundert, sind Freundinnen, aber doch so unterschiedlich. Rosalie ist bei ihrem Vater aufgewachsen und hat schon früh in seiner Arztpraxis ausgeholfen. Sie hat viele Freiheiten, mehr als andere Mädchen ihrer Generation, und führt daher ein ganz anderes Lebens als ihre Altersgenossinnen. Sie interessiert sich für die Wissenschaft und nimmt gern an den Treffen teil, die ihr Vater im heimischen Wohnzimmer veranstaltet, um sich über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse auszutauschen. Als ein Besucher eines Tages ein Skelett mitbringt, ist sie fasziniert von dieser Entdeckung und möchte unbedingt mehr darüber herausfinden. Ihre Freundin Dorothea hingegen ist in der Niederländisch-reformierten Gemeinde aufgewachsen und kennt nur ein streng gläubiges Leben. Ihr Glaube an Gott ist tief, es gibt nur eine einzige Sache, die sie stört: Sie liebt Bücher, aber sie darf sie nicht lesen. Alle Bücher, die nicht die Bibel sind, seien Schund, sagt ihr Vater. Eines Tages bietet ihr jedoch der Inhaber der Leihbibliothek an, für ihn zu arbeiten. Das allein wäre schon eine Sensation, aber Herr Kirschbaum ist zudem ein Jude, was nach Meinung ihres Vaters und der Gemeinde natürlich ein ganz falscher Umgang für eine junge christliche Frau wäre.

Das rechte Schlüsselbein schloss den seltsamen Torso nach oben hin ab, darüber schwebte die Schädelkalotte, und weil sie flach auf den Tisch gelegt war, sah es aus, als ob das Skelett den Kopf gesenkt hielt, beschämt über seine eigene Unvollständigkeit.

Nora, die dritte im Bunde, lebt in der heutigen Zeit, ist verheiratet und hat ihr Archäologiestudium kurz vor dem Abschluss abgebrochen. Ihr Mann Falk jedoch arbeitet nun als Archäologe und daher bekommt sie immer noch so einiges aus dem Fachbereich mit. Als Falk die Erlaubnis bekommt in einer Höhle im Neandertal zu graben, kommt sie prompt mit und entdeckt auch noch wirklich ein Skelett. Dabei liegt ein Medaillon und Nora macht sich nun auf die Suche nach der Lebensgeschichte dieses Skeletts.

Wie ich es bereits von Gina Mayer kannte, wird man direkt von der ersten Seite an mitten in die Geschichte eingesogen. Der Schreibstil ist wieder mitreißend, einfühlsam und schön zu lesen. Die Kapitel sind abwechselnd aus der Perspektive von Rosalie und Dorothea geschrieben, später kommt noch Nora hinzu. Durch diesen Aufbau kommt schon ganz viel Spannung auf, da es am Ende mancher Kapitel kleine Cliffhanger gibt oder wenn man bei Dorothea Andeutungen liest, was bei Rosalie passiert sein könnte.

Dabei war sie sich sicher, dass Rosalie den ganzen Tag an den Apotheker dachte und dass sie nachts gerne von ihm geträumt hätte, was aber vermutlich nicht geschah, denn man träumt nur selten von Dingen, die man sich ersehnt, und viel zu oft von dem, was man lieber vergessen will.

Am interessantesten an dieser Geschichte fand ich — auch weil es so eindringlich und emotional geschildert wird — die Unterschiede zwischen Rosalie und Dorothea. Beide sind sehr sympathische junge Frauen, bei denen es mir nicht schwer gefallen ist sie zu mögen und sie zu verstehen. Die beiden leben zwar zur selben Zeit im selben Örtchen, durch ihren Alltag und die Denkweise, die sich beide komplett unterscheiden, kommt beim Lesen ganz viel Abwechslung auf. Rosalie ist sehr willensstark und mutig, gleichzeitig fühlt sie sich allerdings als Frau, die (angeblich!) nichts zu sagen hat, in ihrer Zeit gefangen. Besonders packend wird auch das ganz andere Leben von Dorothea geschildert und damit die Denkweisen der Niederländisch-reformierten Gemeinde. Das Leben in dieser Gemeinde ist streng christlich, feste Regeln müssen eingehalten werden und Regelbrüche werden umso härter bestraft. Dorothea, zu Beginn noch sehr von den Traditionen ihrer Gemeinde eingenommen, entwickelt sich nach und nach weiter und fängt an selbst zu denken. Dieser Prozess, der zwar recht langsam und mit vielen Zweifeln vor sich geht, ist sehr spannend zu lesen, besonders da sie sich selbst immer noch treu bleibt und versucht ihre Träume mit ihrem Glauben in Einklang zu bringen.

Neben dem Tisch lag ein hoher Stapel mit neuen Büchern, druckfrisch von Verlagen, die sie für den Verleih vorzubereiten hatte, und während sie die vielen Seiten aufschnitt, las sie hier einen Abschnitt und dort ein Wort, und immer wieder begann ihr Herz schnell und aufgeregt zu schlagen, so sehr freute sie sich, dass die hier war. Und so sehr schämte sie sich.

Die Denkweise in der Gemeinde zusammen mit den Entdeckungen, die Rosalies Vater und sein Wissenschaftsclub währenddessen machen, bilden nicht nur einen spannenden Gegensatz, sondern beleuchten auch wunderbar die Einstellung der Menschen zu dieser Zeit: Gott ist der Schöpfer, das war die feste und allgemeingültige Meinung. Als dann diverse Skelette entdeckt werden, als Darwin mit seinen Theorien bekannt wird und insgesamt das erste Mal die Andeutung aufkommt, dass es eine Evolution gegeben haben könnte, macht sich Unsicherheit breit. Viele streng gläubige Menschen lehnen diese Vorstellung sofort ab, doch auch weniger gläubige Personen sind verwirrt, da diese Erkenntnis doch ein starkes Umdenken mit sich bringen würde.

»Und ich dachte, ihr wäret so aufgeschlossen.«
»Aufgeschlossen im Rahmen des Akzeptierten«, sagte Kuhn. »Aber die festgelegten Grenzen wagt man nicht zu überdenken. Die Herren haben wohl Angst, dass dann ihr ganzes Weltbild zusammenbrechen könnte.«

Die Handlung in der heutigen Zeit rund um Nora rundet diesen Roman wunderbar ab. Die Entdeckung des Skeletts, ihre weiteren Nachforschungen und auch ihr persönlicher Alltag sind unglaublich spannend geschildert. Nach und nach zeigen sich Parallelen zur Handlung im 19. Jahrhundert und mir ist es zu diesem Zeitpunkt wirklich schwer gefallen, das Buch aus der Hand zu legen. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht mit Nora zu spekulieren und überhaupt selbst zu rätseln, da man doch schon so viel mehr als sie wusste. Zudem gab es auch noch mehrere überraschende Wendungen, die der Geschichte noch mehr Würze verliehen haben.

Insgesamt ist Das Medaillon eine fesselnde Lektüre, die das Leben der drei Frauen auf eine eindringliche und spannende Weise erzählt. Die Distanz zwischen Wissenschaft und Glaube, das strenge Leben in der Gemeinde und ihre Ablehnung gegen alles Fremde und gegen andere Religionen, Noras Spurensuche — all das hat diesen Roman spannend und interessant gemacht.


Dieses Buch habe ich gelesen, während…

  • ich eine neue kleine Sonnenliege ausprobiert habe, in der man allerdings besser sitzen als liegen kann, aber immerhin muss ich mich nicht immer auf die Steine setzen, wenn ich mal kurz in die Sonne will.

Gina Mayer: Das Medaillon. edition oberkassel. 2015. 496 Seiten, 10,99€.

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