Don’t Feed the Trolls von Erica Kudisch

Cover Don't Feed The Trolls

Gaming und queere Themen in *einem* Buch?! In leider nur knapp über 200 Seiten erzählt Erica Kudisch die Gaming- und Real Life-Abenteuer von Daphnis und seinen Mitbewohner*innen und Freund*innen. Es geht damit los, dass Daphnis einen Wettbewerb gewinnt und deshalb nicht nur ein Ticket für eine Convention bekommt, sondern dort auch noch den Entwickler seines liebsten MMORPGs treffen kann. Womit sie nicht gerechnet hat — zu Beginn des Buchs nutzt Daphne noch weibliche Pronomen —, ist die Reaktion der anderen Spieler auf ihrem Server. Sie hassen Duchess Fatiguee dafür, dass sie den Contest gewonnen hat, und drohen deshalb auch gleich noch der Spielerin, die sie hinter diesem weiblichen Rollenspielcharakter erwarten.

Dieses Buch ist so viel. Angefangen hat es mit Nostalgie. Ich hätte stundenlang lesen können, wie Daphnis durch die Rollenspielwelt läuft und Dinge einsammelt oder Quests erledigt, so authentisch und schön fühlte sich das an. Doch das ist nur ein kleiner Teil der Geschichte, viel wichtiger sind die Interaktionen mit den anderen In Game- und Real Life-Charakteren. Die meisten von ihnen stehen irgendwo auf dem queeren Spektrum und es hat sehr viel Spaß gebracht, dies einfach so in der Geschichte erwähnt zu sehen. Die drei Menschen in der queeren WG sind zauberhafte Charaktere, fast wie ein safe space innerhalb einer Geschichte, weil sie so offen und selbstverständlich mit Themen außerhalb der vermeintlich binären, heterosexuellen Norm umgehen. So wie es sein sollte eben. Lesbisch, schwul, bisexuell, sogar pansexuell, drag queen, trans und nicht-binär, all das kommt auf irgendeine Weise in Gesprächen vor. Eine weitere Person bringt später noch Intersektionalität zur Sprache. Klingt ganz schön viel für 200 Seiten? Ist es auch, aber gleichzeitig eben auch nicht. Diese vielen wichtigen Themen hätten tatsächlich noch weitaus mehr Seiten vertragen und vor allem verdient, aber es funktioniert dennoch. Sie werden nicht ausführlich erklärt, sondern im Verlauf des Buches gezeigt. Sie sind einfach da, wie in der Realität auch, und im Grunde nicht das Hauptthema hier.

Es geht um Belästigung. Duchess Fatiguee bekommt Hassmails, seitdem bekannt gegeben wurde, dass sie den Contest gewonnen hat. Damit wird es für Daphnis zunächst unmöglich auf diesem Server weiter zu spielen, später beeinträchtigt der allgegenwärtige und gefährliche Sexismus sein Leben und das eines Freundes. Als er einen neuen Charakter auf einem ganz anderen Server erstellt — diesmal einen Mann, damit die Anderen auch den Spieler dahinter als Mann sehen werden — lernt er Duchess Uhruu aka Laura kennen, eine Schwarze Jurastudentin und Feministin. Die beiden verstehen sich gut, bis — hier noch — Daphne sich Sorgen macht, weil Laura sie für einen Mann hält, und da fängt bei ihr ein Denkprozess an.
Form und Ausmaß der Belästigungen, die Daphnis und Laura in diesem Online-Spiel erhielten oder erhalten, sind krass. Wir reden hier von mehreren tausend Nachrichten täglich. So schlimm habe ich es persönlich nie erlebt, aber generell kann ich leider sagen: Been there, seen that. Erwähne ein Mal, dass du weiblich bist, und schon geht’s los. Da halten sie dich entweder für unfähig, nur für die Freundin von einem anderen Spieler oder du wirst sie einfach nicht mehr los, weil sie sich so an dich hängen. Und wenn du dann davon erzählst, denken natürlich die meisten, dass du übertreibst. Immerhin kann ich berichten, dass es mittlerweile gefühlt schon etwas lockerer zugeht als noch vor einigen Jahren, aber darum geht’s an dieser Stelle eigentlich nicht.

Daphnis und sein Charakter Duchess Fatiguee erleben hier nicht nur alltäglichen Sexismus, sondern gefährliche Belästigungen und Drohungen. Das schwappt überraschend schnell auch ins echte Leben über, manchmal so schnell und häufig, dass sich die Vielzahl an Zufällen übertrieben anfühlt. Doch dies ist vielleicht der schmalen Seitenzahl geschuldet und so trägt es immerhin zur Dynamik der Geschichte bei. Einige Handlungen kommen dadurch leider zu kurz und hätten gern noch viel mehr Platz bekommen können. Die tollen Freundschaften und niedliche, sich anbahnende Verliebtheiten, die nerdy Atmosphäre und geeky Nostalgie reißen das aber alles wieder raus. Geeks und Nerds werden in diesem Buch viele tolle Sätze finden und nicht ganz so nerdige Leser*innen dürfen sich von der Queerness einfangen lassen.


Erica Kudisch: Don’t Feed the Trolls. Riptide. 2017. 230 Seiten, bisher nur auf Englisch erschienen.

Eine Antwort zu “Don’t Feed the Trolls von Erica Kudisch”

  1. Dieses Buch würde mich auch interessieren.Schade, dass es das nur auf Englisch gibt.

    Liebe Grüße
    Lilli

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