Es war einmal Aleppo von Jennifer Benkau

Cover Es war einmal Aleppo

Es ist schon lange nicht mehr passiert, dass ich ein Buch derart zügig durchgelesen habe wie Es war einmal Aleppo von Jennifer Benkau. Von der ersten Seite an war ich gefesselt von den Charakteren, dem Schreibstil und der Atmosphäre. Ganz schnell war mir klar: Das hier ist ein wichtiges Buch, jetzt in dieser Zeit umso mehr. Jennifer Benkau hat die wichtigen Themen Flucht und Fremdenhass auf eine tolle, mitfühlende, verständliche und faszinierende Weise in einer Geschichte verpackt.

Sommer 2015, Toni und ihre Familie sind auf dem Rückweg vom Urlaub, als sie mitbekommen, dass einiges anders sein wird, sobald sie wieder Zuhause sind: Der Tennisclub in ihrer Straße ist jetzt ein Flüchtlingsheim. Die Eltern, ihr Bruder und auch Toni selbst machen sich Sorgen. Das kann doch nicht gut gehen mit diesen vielen Menschen, die die deutsche Kultur überhaupt nicht kennen, oder? Tonis Freundin Fee jedoch sieht das ganz anders und hilft bereits ehrenamtlich im Camp. Gleich am nächsten Tag möchte sie Toni mitnehmen, damit sie sich mal anschauen kann, wie die Menschen dort hinter dem Zaun wirklich sind.

Nun bin ich plötzlich mittendrin, ob ich das will oder nicht. Flüchtlingskrise. Das Wort steht da draußen vor der Tür, direkt vor meinem Fenster. Dort wird es bleiben. Und ich habe das unbehagliche Gefühl, dass sich damit alles verändert. (S. 13)

So fängt diese faszinierende und wichtige Geschichte also an. Toni hat zu Beginn und auch zwischendurch immer mal wieder Ängste, die durch einen schlimmen Vorfall in ihrer Vergangenheit begründet sind, ist aber dennoch die ganze Zeit eine sehr aufgeschlossene junge Frau. Was sie schlussendlich hinter dem Zaun, der das Camp vom Dorf trennt, sieht, sind nicht die mit Besorgnis beschworenen, unbegleiteten jungen Männer, sondern Familien, Kinder und Menschen, die Schreckliches erlebt haben. Wenn man nur mal hinschaut, kann man das sehen, und das tut Toni nach und nach. Gerade durch ihre Sorgen ist sie für mich ein glaubwürdiger Charakter geworden.

»Es wäre gut, würden die Deutschen sehen, dass wir auch nur normale Menschen sind. Leider begreifen viele das nicht. Manche haben sogar Angst vor uns.« Er streckt ein Bein aus und wackelt mit den nackten Zehen in den rosa Flipflops. »Dabei sind wir nicht besonders furchterregend, oder?« (S. 90)

Jennifer Benkau schafft es mit dieser Geschichte mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Sie schafft es, Situationen zu beschreiben, wie man sie in Diskussionen über Geflüchtete häufig erlebt, und zeigt mit Dialogen oder Handlungen einen alternativen und wahren Blick auf die Geschehnisse. Seien es die anfänglichen bürokratischen Schwierigkeiten, mit denen viele Camps im Sommer 2015 zu kämpfen hatten (die zum Beispiel dazu führten, dass die Menschen nicht genug Essen oder frische Unterwäsche bekamen), seien es Anfeindungen auf offener Straße, seien es Erzählungen über die Flucht selbst oder darüber, wie Syrien vor dem Krieg war. Gleich zu Beginn lernt Toni hinter dem Zaun Shirvan kennen, einen jungen Mann, der aus Aleppo geflohen ist, und zu dem sie sofort eine Verbindung spürt.

In Syrien kommen die Leute von der Arbeit, und plötzlich sind es nicht neue Nachbarn, mit denen sie klarkommen müssen, sondern tote Nachbarn. Und das eigene Haus ist bloß noch ein Trümmerhaufen. (S. 220)

Mit Es war einmal Aleppo hat Jennifer Benkau es mit wenigen Sätzen geschafft, mich komplett einzusaugen. Das lag zu einem großen Teil an den glaubwürdigen Charakteren, mit denen ich zu jedem Zeitpunkt mitfühlen konnte. Die Freundschaften und aufblühenden Gefühle von Toni, Shirvan, Fee und all den anderen haben die ohnehin schon tolle und vielfältige Geschichte zu einem wunderbaren Buch gemacht.


Weitere Besprechungen:


Jennifer Benkau: Es war einmal Aleppo. Ink Rebels. 2016. 510 Seiten, 14,99€ (Taschenbuch) oder 3,99€ (E-Book).

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