Fantasy Noir: 12 übernatürliche Mordfälle — Art Skript Phantastik

Cover Fantasy Noir

Ich lese sehr gern Kurzgeschichten und noch lieber Anthologien — dann habe ich mehr auf einem Haufen, ist doch klar. Es ist also relativ unglaublich, dass ich in meinem Leseleben bisher blind am Art Skript Phantastik Verlag vorbeigelaufen bin. Schande über mein Haupt und ich entschuldige mich vielmals! Die bisher erschienenen Anthologien in den Bereichen Dark Fantasy und Steampunk kann ich ja zum Glück immer noch nachholen. Eine dieser Dark Fantasy-Sammlungen stelle ich euch heute vor: Fantasy Noir.

Fantasy Noir vereint zwölf übernatürliche Mordfälle im Noir-Stil. Jede Geschichte behandelt somit mindestens je ein außergewöhnliches phantastisches Wesen, auf welche Weise auch immer. Einige dieser Wesen waren mir schon bekannt, wurden aber eventuell ganz anders interpretiert, andere waren mir wiederum neu. Jede Geschichte war also so einzigartig wie die Wesen und Charaktere in ihr und das hat die Anthologie schön vielseitig gemacht. Nun ja, Vielseitigkeit sollte eine Eigenschaft jeder Anthologie sein, aber genau deshalb finde ich es so wichtig, dies zu erwähnen. Die Herausgeberin und Verlegerin Grit Richter hat eine tolle Auswahl getroffen. Zwei der Geschichten sind jetzt schon zu meinen absoluten Lieblingsgeschichten geworden (Engel und Kröte, um es mal näher anzudeuten), die ich bestimmt noch oft lesen werde, viele weitere fand ich gut, ein paar andere haben mich leider nicht so umhauen können. Ich halte es jedoch für schlichtweg unmöglich eine Anthologie herauszubringen, bei der jedem jede Geschichte gefällt. Vielseitigkeit, ihr wisst schon. Im Folgenden möchte ich auf jede Geschichten einzeln eingehen. Trotz der jeweils wenigen Seiten sage ich dennoch immer ein wenig zum Inhalt — natürlich ohne Spoiler —, um euch zu zeigen, was euch hier erwarten könnte und die Neugierigen noch neugieriger zu machen. Fantasy Noir ist mit diesen zwölf übernatürlichen Mordfällen eine lesenswerte Anthologie.

Alpenpfeile von Fabian Dombrowski

Eine Leiche wird aus dem Wasser gezogen. Todesursache: ein Pfeil. Wer schießt denn noch mit Pfeilen, wenn es auch Kugeln gibt? Bei der Leiche wird auch noch ein altes und nun vollkommen durchweichtes Buch gefunden, das zumindest in eine erste Richtung weist. Fabian Dombrowski hat mit Albenpfeile eine Geschichte geliefert, die mir zwar gut gefallen hat, die aber ein großes Manko hat: Sie ist zu kurz, jedenfalls für den riesigen Hintergrund, der sich mit den Zeilen auftut. Vieles bleibt dabei also nur Andeutung, das man zwar durchaus erahnen kann, das ich mir aber dennoch detaillierter gewünscht hätte. Die Tat selbst wurde für meinen Geschmack deswegen zu seicht begründet. Allerdings erschien mir die Welt und ihr Konzept, das hier angedeutet wurde, sehr interessant zu sein; davon würde ich gern mehr lesen. Am liebsten in einer längeren Geschichte, damit die Dichte an Informationen und Hintergründen mehr Platz hat.

Das Herz eines Engels von Daniel Schlegel

Obwohl es heißt, dass Engel nicht sterben, wird ein solcher ermordet aufgefunden. Die Todesursache ist noch unklar, sichtbare Wunden gibt es auch nicht, aber dennoch fehlen dem Engel fast alle Organe. Wird da ein illegaler Handel mit Engelsorganen betrieben? Die Welt, die hier beschrieben wird, könnte diesen Schluss an sich schon zulassen: Engel, Menschen und Dämonen leben gemeinsam, wenn auch nicht miteinander, Organe können ausgetauscht werden und sogar komplette Golems verschiedenster Preisklassen stehen zur Verfügung. Noch eine Welt, in die ich gern tiefer eintauchen würde. Zusammen mit dem pessimistischen und sarkastischen Ermittler, dem daraus resultierenden zynischen Schreibstil und dem überraschenden Fall, der sich ganz nebenbei auch noch auf Moral und Ethik fokussiert, ist Das Herz eines Engels von Daniel Schlegel eine rundum gelungene Geschichte.

Tod eines Mädchens von M.W. Ludwig

Wie der Titel schon erahnen lässt, geht es hier tatsächlich um den Tod eines Mädchens, doch diese kurze Geschichte hat einen außergewöhnlichen Anfang: Todesursache und Täter sind schon bekannt. Dieser behauptet im Opfer eine Sirene erkannt zu haben, die ihn skrupellos benutzt hat, und er erzählt nun seine eigene gruselige Version der Tat, des Hintergrunds und damit seiner Motive. Daraus resultiert eine atmosphärische Geschichte, die durchaus kreativ und detailreich erzählt wird, aber doch durch bekannte Klischees einseitig bleibt.

Eine gute Seele von Robert Friedrich von Cube

Robert Friedrich von Cube erzählt mit Eine gute Seele einen Fall, der eine Interpretation der deutschen Geschichte liefert. Die Gräueltaten in der NS-Zeit werden damit auf eine ganz andere Stufe gehoben. Er bedient sich dabei phantastischer Elemente, die für mich vollkommen neu waren. Die Wesen, die in dieser Geschichte herumgeistern, bescheren mir immer noch eine Gänsehaut, wenn ich an sie denke; die gruselige Atmosphäre war durchweg greifbar. Die Ermittler in diesem Fall waren zwei unterhaltsame, aber doch stereotype Personen. Ich hatte zwar durchaus das Gefühl, dass mit Klischees gespielt wurde, doch für meinen Geschmack hätte dies noch pointierter sein können, und vor allem hat mir der Noir-Faktor gefehlt.

Totenopfer von Marie Mittmann

In Marie Mittmanns Geschichte Totenopfer kam die Noir-Stimmung schon mehr heraus. Der in Shanghai spielende Fall ist unglaublich atmosphärisch beschrieben und durch den detailreichen Schreibstil ist die gruselige Stimmung zum Greifen nahe. Doch Atmosphäre ist leider nicht alles, der Fall war für mich nämlich leider sehr viel weniger greifbar. Das Konzept selbst klang interessant, kam am Ende allerdings zu flach rüber, sodass bei mir kaum etwas angekommen ist. Motiv und Beweggründe der handelnden Personen wurden nur andeutungsweise herausgearbeitet und konnten sich in meiner Vorstellung leider nicht zu einem Gesamtkomplex zusammenfügen.

Lavern von Detlef Klewer

Ich habe die Geschichten der Anthologie selbstverständlich in chronologischer Reihenfolge gelesen — macht das irgendwer anders? —, sodass ich nach einer schnodderigen, rotzigen Hauptfigur fast schon gelechzt habe. Und in Lavern habe ich sie endlich wieder bekommen: Eine aufbrausende und ironisch-pessimistische Mitarbeiterin einer Detektei führt uns mit einer ordentlichen Portion Männerhass und Pech durch den Fall. Ihre Geliebte stellt ihr ihre plötzlich aufgetauchte neue große Liebe vor — da kann doch was nicht mit rechten Dingen vorgehen? Phantastische Elemente und ein Noir-Feeling tauchen leider erst recht spät auf, eine entsprechende Atmosphäre hätte Detlef Klewer gern auch schon früher aufbauen können.

Fantasy Noir

Fantasy Noir ist auch von innen ein wahres Schmuckstück. (Auch wenn ich natürlich zugeben muss, dass sich die Signatur, die auf diesem Angeberfoto zu sehen ist, nicht in jedem Exemplar befindet.)

Hyperion von Magali Volkmann

Hier geht’s gleich weiter mit interessanten Charakteren. Der Protagonist in Hyperion ist eine Fee, ein Arzt, ein Wissenschaftler und ein selbsternanntes Genie. Alles in einer Person, was für eine schrullige und skurrile Mischung! Der Fall beginnt damit, dass er eine seiner Tinkturen an einer Leiche testet. Zum ersten Mal erweckt er damit jemanden wieder zum Leben und nun muss man sich natürlich auf die Suche nach einem Mörder machen. Der Fall an sich bietet einige Überraschungen und diese skurrile Stimmung bleibt bis zum Ende bestehen. Das hat mir sehr gefallen.

Feuer und Schatten von Laura Dümpelfeld

Laura Dümpelfeld behandelt in ihrer Geschichte Feuer und Schatten ein mir bereits bekanntes Wesen, allerdings mit einer für mich neuartigen Interpretation, die es interessant gemacht hat. Den Fall an sich empfand ich dann leider als sehr geradlinig und deshalb unaufgeregt. Es gab zwar einige Wendungen, doch diese wurden recht schnell abgehandelt und gelöst. Wie bei der ersten Geschichte von Fabian Dombrowski hatte Feuer und Schatten eine sehr komplexen Hintergrundgeschichte, die für die kurzen Seiten wieder fast zu viel des Guten war. So konnte das Konzept nur angedeutet werden, was schade ist, denn ich könnte mir durchaus auch eine längere Geschichte zum Thema vorstellen.

Von Kröt, P. I. – Gegen Gesetz und Hühneraugen von Katharina Fiona Bode

Ich präsentiere euch an dieser Stelle, obwohl ich die komplette Anthologie noch nicht mal beendet habe, meine Lieblingsgeschichte: Von Kröt, P. I. – Gegen Gesetz und Hühneraugen ist gleichzeitig auch die wohl skurrilste Kurzgeschichte in Fantasy Noir und genau deshalb finde ich sie so gut. Von Kröt ist eine — Überraschung! — Kröte, rotzig, sarkastisch und ein Ermittler mit seinen ganz eigenen Methoden. Die Skurrilität lässt sich in dieser Geschichte am Worldbuilding und den damit zusammenhängenden Wortspielen an jeder Ecke festmachen. Meinen Humor hat Katharina Fiona Bode damit voll getroffen. Im Grunde saß ich beim Lesen nur die ganze Zeit mit offenem Mund da, unterbrochen von kurzen Lachern. Beim Fall, dessen Auflösung von einem Schrumpfkopf in Auftrag gegeben wurde, ist nicht unbedingt die Lösung spannend, sondern eher der Weg dahin. Skurril — hab ich schon gesagt, oder? Um noch ein kleines weiteres Beispiel zu geben: Eine Barbie, die allerdings gerade den Kopf eines Kens getragen hat, wurde tot aufgefunden.

Wer mit dem Feuer spielt von Nicola N. Ahrens

Nicola N. Ahrens erzählt mit Wer mit dem Feuer spielt eine gesellschaftskritische Geschichte rund um das Thema Randgruppen, die Angst vor ebendiesen und was daraus entstehen kann. Die Randgruppe, um die es hier geht, besteht aus phantastischen Wesen, auf die ich hier nicht weiter eingehen will, die ich aber als gut und spannend ausgearbeitet empfunden habe. Allerdings gab es hier leider kaum Noir-Feeling und auch die Lösung des Falls war mir zu geradlinig. Der Protagonist war an sich ein interessanter Herr, über dessen Vergangenheit aber nur Andeutungen gegeben wurden. Diese waren allerdings für den Fall wichtig und ich hätte mir gewünscht, dass dies etwas mehr behandelt worden wäre.

Blutgold von Isabel Schwaak

Wie schön, dass die irische Mythologie auch noch ihren Weg in diese Anthologie geschafft hat. Isabel Schwaak vermischt in Blutgold verschiedene Wesen aus der irischen Mythologie mit einem überraschenden Fall voller Wendungen. Gleichzeitig kommt in dieser Geschichte ein schönes und dichtes Noir-Gefühl auf. Vor allem ist allerdings das Grundkonzept unglaublich genial, denn wir haben hier keinen normalen Ermittler, sondern eine Journalistin. Diese schreibt für die New York Paranormal Gazette quasi unentdeckt hinter den Kulissen und ist immer auf der Suche nach Skandalen, besonders wenn es darum geht, Vertuschungsversuche der Polizei aufzuklären. Hat mir sehr gefallen.

Wie ich den Nazi-Teufeln in den Arsch trat von Markus Cremer

Wie der Titel dieser Kurzgeschichte vielleicht schon erahnen lässt, haben wir es hier zum zweiten Mal mit dem Thema NS-Zeit zu tun. Dieses Mal befinden wir uns allerdings mitten im Krieg und in Amerika. Eine schräge und interessante Privatermittlerin bekommt den Auftrag eine Sabotage an den Testfliegern von neuen Flugzeugen aufzuklären. Die Mittel, wie sie dort eingeschleust wird, sind mindestens ebenso schräg wie sie selbst und die Auflösung des Falls beschäftigt sich gleichzeitig auch noch mit gesellschaftskritischen Elementen. Markus Cremer bildet mit Wie ich den Nazi-Teufeln in den Arsch trat einen schönen, unterhaltsamen und teils auch gruseligen Noir-Abschluss dieser Anthologie.


Grit Richter (Hrsg.): Fantasy Noir. Übernatürliche Mordfälle. Art Skript Phantastik. 2015. 200 Seiten, 12,80€.

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