Freestyler Blogtour: Interview mit Katja Brandis

Blogtour Freestyler

Herzlich willkommen zum letzten Tag der Freestyler Blogtour. Sabrina hat euch das Buch am ersten Tag bereits ausführlich (aber spoilerfrei!) vorgestellt und Yvonne hat über die Entstehung und Entwicklung von Prothesen und Implantaten berichtet. Bei Ramona ging es weiter mit den Olympics und Paralympics und Susanne hat über den Leistungsdruck im Sport geschrieben. In meinem Beitrag kommt nun die Autorin selbst zu Wort: Ich habe mit Katja Brandis über die Entstehung des Romans und einiges mehr gesprochen. Meine begeisterte Rezension zu Freestyler ist bereits erschienen.

Interview mit Katja Brandis

Cindy: Liebe Katja, schön, dass du dabei bist! Bevor wir zu deinem neuesten Buch kommen, würde ich dich gern bitten dich kurz vorstellen: Mit welchen drei Adjektiven würdest du Katja Brandis, die Autorin, charakterisieren? Und welche drei Stichpunkte beschreiben das Leben der Katja Brandis selbst am besten?

Katja Brandis: Fangen wir mal mit der Autorin an, da schlage ich vor: Neugierig, schreibfreudig, unternehmungslustig. Zu meinem Leben passt am besten: Lachen, Bücher, Natur. Unter Lachen würde ich mal mein Familienleben zusammenfassen – wir haben viel Spaß miteinander, auch wenn’s mit Kind arg durchgetaktet sein kann. 


Deine Romane behandeln immer wichtige Themen. Über viele müsste dringend mal wieder gesprochen werden, aber aufgrund anderer Aufreger sind sie überhaupt nicht mehr in aller Munde. Wie suchst du dir aus all diesen Themen das Sujet für den nächsten Roman aus?

Mir ist wichtig, ob sie mich persönlich faszinieren und nicht loslassen. Es muss gar nicht mal ein Aufreger sein, obwohl aus einer solchen persönlichen Wut über unseren Umgang mit der Natur „Schatten des Dschungels“ und „Floaters“ entstanden sind. Für mich zählt: Möchte ich mich mit diesem Thema, dieser Geschichte, diesen Figuren ein halbes Jahr und länger beschäftigen? So viel meiner Lebenszeit fließt in jeden Jugendroman.

Über Freestyler

Und bei Freestyler? Kannst du dich noch daran erinnern, wann du dich zum ersten Mal tiefer mit dem Thema Leistungssport beschäftigt hast und wann du dich dazu entschieden hast, dem Thema ein Buch zu widmen?

Ganz am Anfang stand ein Foto, eine Aufnahme des Prothesensprinters Oscar Pistorius im vollen Lauf. Diesen Mann auf Carbonfedern sprinten zu sehen sah so absolut außerirdisch aus. Ich war fasziniert. Schnell war die Idee geboren, über Sport im Jahr 2030 zu schreiben und die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft und Liebe zu erzählen – die zwischen einer „normalen“ jungen Sprinterin und einem „Blade Runner“.
Ein solches Thema überhaupt anzupacken war eine riesige Herausforderung, denn vom Leistungssport verstand ich zu Anfang überhaupt nichts. Ich habe mich auch nie für irgendwelche Sportergebnisse interessiert … aber schon sehr lange für die Menschen dahinter. Wie entschlossen, wie hart gegen sich selbst, muss man sein, um so etwas durchzustehen und es im Leistungssport zu schaffen?

Katja Brandis

Katja Brandis auf einer Lesung


Du behandelst viele Aspekte des Leistungssports in deinem Roman: Das Training, den Druck unbedingt der oder die Beste zu sein, Leistungssport mit einer körperlichen Behinderung und mit neuartigen körperlichen Optimierungen. Waren all diese Aspekte von Anfang an geplant oder kamen sie während des Schreibens zu dir?

Dass heute „Behinderte“ genannte Menschen in Zukunft die erfolgreicheren Sportler sein könnten, war von Anfang an der Kern meiner Idee, ebenso die Körpermodifizierungen normaler Athleten. Außerdem wollte ich diese Härte der Athleten sich selbst gegenüber, aber auch dem enormen Druck, ausloten. „Bin ich gut genug?“ ist die Kernfrage, die sich durch den ganzen Roman zieht. Weil das im Grunde etwas ist, was jeden von uns umtreibt, aber Leistungssportler wie Jola und Ryan noch viel, viel stärker betrifft.
Was während des Schreibens immer wichtiger wurde und mehr Raum einnahm, ist die komplizierte Beziehung von Jola und Till. Im Exposé (also der Inhaltsangabe, die ich an den Verlag geschickt habe) war Till noch eine unwichtige Nebenfigur, die im Olympia-Teil zum ersten Mal erwähnt wurde, und auch dort nur am Rande. Eine meiner Testleserinnen fragte daraufhin: „Äh, wo kommt der denn auf einmal her?“ Als ich ans Schreiben ging, wurde mir klar, dass in dem halben Jahr, in dem Jola und Ryan keinen Kontakt haben, etwas geschehen muss, das Jolas Leben stark verändert und es erstmal unmöglich macht, dass die beiden sofort zusammenkommen. So bekam Till eine viel wichtigere Rolle, auch als ihr Trainer (das hatte ich ursprünglich gar nicht vorgesehen).

Die Welt im Jahre 2030

Freestyler spielt in der nahen Zukunft und du kannst somit nicht nur vom Leistungssport selbst, sondern auch von technischen Entwicklungen erzählen. Was hat dich an diesem Setting besonders gereizt?

Ich hatte total viel Spaß dabei, die „Freestyler“ zu erfinden, die sich schließlich auf der Olympiade begegnen: die blinde Basketballspielerin, die durch ihre Ultraschallsensoren auch das Spielfeld hinter sich „im Auge“ behalten kann, der herzkranke Junge, der mit einem künstlichen Herzen zum erfolgreichen Triathleten geworden ist, der ehemalige Epileptiker, der mit einem Chip im Kopf nun ein höllenguter Tischtennisspieler ist … schräge Leute voller Lebensmut und Selbstironie. Sie haben alle viel durchgemacht und genießen ihre neue Sportkarriere.


Mir hat die Atmosphäre in deinem Buch richtig gut gefallen. Durch kleine Details und selbstverständliche Erwähnungen von Geräten und Technik ist diese für mich immer greifbarer geworden. Wo hast du dich dazu inspirieren lassen?

Ach, in diesen kleinen Details bin ich gar nicht gut. Ich habe mich wie immer hauptsächlich auf die Figuren und die Handlung konzentriert, so dass mir mein Lektor Frank Griesheimer beim ersten Lektoratsdurchgang sagen musste: „Da muss mehr Zukunfts-Atmosphäre rein!“ Daraufhin habe ich mir noch ganz viele Details ausgedacht. Durch meinen Mann, einen Elektroingenieur, bekomme ich einiges von neuen technischen Entwicklungen mit – vom 3-D-Drucker bis zur Schuhsohle, die deinen Laufstil analysiert – das hilft natürlich. Manchmal überholt auch die Wahrheit die Fiktion: Neulich habe ich gehört, dass die DNA-Analyse von herumliegenden Hundekot in England tatsächlich bald eingeführt werden soll …


Wenn es eines der neuen Geräte, die du im Roman erwähnst, heute schon geben würde: Welches würdest du dir wünschen?

Die Respirozyten natürlich! Das sind künstliche Blutkörperchen, die sehr viel mehr Sauerstoff transportieren können als die normalen. Einerseits steigern sie stark die körperliche Ausdauer, andererseits kann man mit ihrer Hilfe – yeah! – ganz, ganz lange ohne Atemgerät unter Wasser bleiben. Ein Traum für jede Taucherin. Ich bin übrigens schon bei der Recherche zu „Ruf der Tiefe“ auf die Dinger gestoßen.

Emotionen in (Jugend-)Romanen

Beim Lesen von Freestyler sind ständig die Gefühle der Protagonistin Jola auf mich übergesprungen. Bei jedem Wettkampf hatte ich Herzklopfen und weiche Knie. Passiert dir das beim Schreiben auch oder wie schaffst du es, diese Szenen so eindringlich zu schreiben?

Oh, das ist ein ganz tolles Kompliment! Darum geht es ja beim Schreiben. Darum, nicht einfach Gefühle zu schildern, sondern zu erreichen, dass die Leser sie mitempfinden. Es hat mir sehr geholfen, dass mir viele erfolgreiche Sprinter und Sprinterinnen (mit und ohne Beine) mir ihre Empfindungen geschildert haben, so dass ich mir vorstellen konnte, wie es sich anfühlt, bei einem wichtigen Wettkampf anzutreten und eine Strecke wie die 400 Meter durchzustehen. Ich mochte Leichtathletik zwar in der Schule immer am liebsten, und besonders den Sprint, aber so etwas wie diese Athleten habe ich nie erlebt und werde es auch nie erleben. Am schwierigsten fand ich, mir zu vergegenwärtigen, wie sich die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele anfühlt, hier musste ich wieder und wieder bei meinen Interviewpartnern – besonders bei Georg Meyer, Bronzemedaillengewinner bei den Paralympics in Sydney – nachhaken.


Apropos Gefühle: Jola verliebt sich im Verlauf der Geschichte. Wie wichtig sind dir Liebesgeschichten in (Jugend-)Romanen?

Ich baue sie deshalb ein, weil mir (-> hoffnungsloser Romantikerin) dadurch das Schreiben mehr Spaß macht. Sie geben der Handlung Würze. Nötig sind sie nicht unbedingt, aber besonders junge Leserinnen mögen es, wenn zwischenmenschlich viel passiert. Und Jugendromane werden zu einem sehr großen Teil von Mädchen gelesen.

Lesen und Schreiben

Welche Bücher liest du denn selbst gerne? Welches Buch ist dein All-Time-Favorit und welches Buch konnte dich in den letzten Wochen begeistern?

Ich lese praktisch alles, was mir in die Finger kommt – realistischer Roman, Fantasy, Autobiografie, Thriller oder zur Not auch die Rückseite der Müslipackung. Einer meiner Lieblingsbücher ist „American Gods“ von Neil Gaiman (ich mag fast alle seiner Bücher), und vor kurzem hat mich „Stimmen“ von Ursula Poznanski und „On the Move“ von Oliver Sacks begeistert.


Zurück zum Schreiben: Wie sieht denn dein Schreiballtag aus?

Mein Alltag besteht nicht nur aus Schreiben. Es gibt Planungsphasen, Recherchephasen und Schreibphasen. Die Schreibphase ist für Außenstehende die langweiligste, ich schließe mich um 7.30 morgens in mein Arbeitszimmer ein und versinke in der Welt des Romans, bis mein Sohn um 14.30 aus der Schule kommt und das echte Leben mich ruft.

Katja Brandis

Katja Brandis an ihrem Arbeitsplatz


Welcher Aspekt deines Autorenlebens gefällt dir am meisten? Und welcher am wenigsten?

Ich schreibe leidenschaftlich gerne – wenn es gut läuft, fühlt es sich an wie Fliegen, ich bin high, ich merke nicht, wie die Zeit vergeht. Recherche ist auch sehr lustig, ich kann meiner Neugier freien Lauf lassen und interessante neue Leute, Länder, Milieus kennenlernen. Was ich hasse, ist Überarbeiten, das ist einfach nur mühsam und anstrengend. Bäh! Muss aber leider sein, das Buch soll ja auch was taugen.


Möchtest oder darfst du schon verraten, über welches Thema du in deinem nächsten Projekt schreiben wirst?

Ja, das kann ich schon. „White Zone“ ist ein rasanter, witziger, krasser Roman, der in der Antarktis spielt. Die ersten Seiten habe ich bei der Recherchereise vor Ort im ewigen Eis geschrieben, und zwar schon vor „Freestyler“. Aber „Freestyler“ musste vorgezogen werden, weil ja nur alle vier Jahre Olympia ist. Deshalb erscheint „White Zone“ erst im Januar/Februar 2017. Bis dahin schreibe ich erstmal eine Menge Fantasy, auf das habe ich gerade richtig Lust.

Herzlichen Dank, liebe Katja, für das Interview!


Gewinnspiel

Unter allen Teilnehmer_innen werden am Ende der Blogtour 5x je eine gebundene Ausgabe von Freestyler verlost. Kommentiert dazu einfach unter den Beiträgen der Blogs und ihr landet im Lostopf. Die Gewinner werden nach der Auslosung auf Literaturschock bekanntgegeben. Beantwortet bei mir gern folgende Frage:

Findest du als Leser die Entstehungsgeschichte eines Romans interessant? Warum oder warum nicht?

Teilnahmebedingungen anzeigen
  • Die Teilnahme am Gewinnspiel ist ab 18 Jahren möglich. Falls du unter 18 Jahre alt bist, ist eine Teilnahme nur mit Erlaubnis des Erziehungs-/Sorgeberichtigten möglich.
  • Der Versand der Gewinne erfolgt nur innerhalb Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für den Postversand wird keinerlei Haftung übernommen.
  • Eine Barauszahlung der Gewinne ist nicht möglich.
  • Mit der Teilnahme erklärst du dich damit einverstanden, dass deine Adresse im Gewinnfall an die Veranstalter der Blogtour und an den Verlag übersendet wird und du als Gewinner öffentlich genannt wirst.
  • Jede teilnahmeberechtigte Person darf einmal pro Tag am Gewinnspiel teilnehmen. Mehrfachbewerbungen durch verschiedene Vornamen, Nachnamen, Emailadressen oder ein Pseudonym sind unzulässig und werden bei der Auslosung ausgeschlossen.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Das Gewinnspiel endet am 17.02.2016 um 23:59 Uhr.

Die Blogtour auf einen Blick

Blogtour-Fahrplan anzeigen
13.02. Spoilerfreie Rezension auf Tattooed Tree
14.02. Prothesen und Implantate auf Ein Anfang und kein Ende
15.02. Olympics & Paralympics bei Kielfeder
16.02. Leistungsdruck im Sport auf Literaturschock
17.02. Interview mit Katja Brandis bei Piranhapudel
ab 18.02. Auslosung der Gewinner_innen auf Literaturschock
ab 19.02. Leserunde auf Leserunden.de

7 Kommentare

  • Rebecca K.

    Die Entstehungsgeschichte eines Buches finde ich immer Interessant, denn so lernt man auch die Gründe kennen wieso ein Autor sich gerade für die Geschichte entschieden hat und warum.
    Genauso spannend finde ich aber auch immer wie die Recherche verlaufen ist und ob es einfach oder doch etwas schwerer war an die Infos zu kommen um dem Roman so viel Wahrheit wie nur möglich zu geben ohne das es es schon fast ein Bericht ist.
    Genauso wenig mag ich aber Bücher die schlecht oder teilweise gar nicht recherchiert wurden und es einem dann direkt auffällt wenn man ein Buch durch Zufall liest wo sogar noch erklärt wird wo man recherchiert hat und wieso gerade im Nachwort oder bei der Danksagung.
    Es gibt eine Handvoll Autoren bei denen ich jedes neuen Buch lese und die von Frau Brandis gehören hier definitiv dazu gerade weil auch die Geschichte immer spannend und gut erzählt ist.

    Viele Grüße
    Rebecca

  • In der regel befasse ich mich nicht damit. Mir ist wichtig, dass der Roman mir gefällt, nicht unbedingt, wie er zustande gekommen ist. :) Buch habe ich schon.

  • Sara

    Hallo,

    ich muss gestehen, dass ich mich früher eigentlich eher sporadisch mit dem Hintergrund zu einem Buch befasst habe, also nur wenn eben etwas in den Danksagungen stand oder ich zufällig irgendwo auf das Buch aufmerksam geworden bin und dann etwas dazu gelesen habe. In letzter Zeit interessiere ich mich aber immer mehr dafür was oft hinter dem Buch steckt. Gerade wenn man ein Buch sehr mag und es einem gefällt ist es manchmal schön noch mit ein wenig Zusatzinformationen gefüttert zu werden.
    Ich finde also die Entstehungsgeschichte schon sehr wichtig und immer interessant etwas mehr zu wissen :)

    Liebe Grüße
    Sara

  • SaBine K.

    Hallo,

    mich interessiert die Hintergrundgeschichte eines Buches sehr… es ist fast genauso spannend das Buch zu lesen wie zu erfahren wie der Autor auf seine Idee gekommen ist ;)

    LG
    SaBine

  • Melanie S.

    Hallo,

    bei mir ist es immer abhängig vom Buch, ob mich das „Mehr“ dahinter interessiert. Es gibt viele Autoren, von denen mich ihr Schreiballtag und die Ideenfindung interessiert (bei einigen kann ich ja sogar live dabei sein) – und dann gibt es wieder Bücher, die ich nur lese, weil sie mal ganz interessant klingen.

    Das Interview hat mir sehr gut gefallen, es wurden tolle Fragen gestellt und auch die Antworten haben mich sehr interessiert!

    LG
    Melanie

  • Margareta Gebhardt

    Hallo ,

    Vielen Dank für den interessanten Interview.
    Ich befasse mich nicht mit Hintergrund zum Buch weil für mich
    wichtig ist das Buch selber gut und interessant ist.

    Liebe Grüße Margareta Gebhardt

  • Hallo erstmal,
    Ich bin ein großer Katja Brandis Fan und deshalb interessiert mich das speziell bei diesem Buch besonders. Generell finde ich es spannend zu hören,wie eine Geschichte entsteht.da steckt meistens mehr dahinter, als man denkt und es verleiht dem ganzen Buch nochmal eine größere Bedeutung :)

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