Freestyler von Katja Brandis

Leistungssport, Training, Wettkämpfe, Olympia. Diese Themen sind mir im Grunde nicht unbekannt, dennoch habe ich mich nie näher damit beschäftigt. Als ich dann zum ersten Mal in der Verlagsvorschau Freestyler von Katja Brandis entdeckt habe, dachte ich allerdings sofort: Hey, das könnte genial und genial spannend werden. Eines kann ich schon mal vorwegnehmen: Das war es auch. Freestyler ist ein Jugendbuch, das auch für Erwachsene ein Lesegenuss sein kann, weil es so viele Themen in sich vereint: Sport, Disziplin und Leistungsdruck. Wie viel kann ich meinem Körper abverlangen? Wann bin ich gut genug? Reicht gut genug überhaupt? Es geht um eine erste Liebe, um Freundschaft, um Sport mit körperlichen Behinderungen. Und das alles angesiedelt im Jahr 2030, eine nahe Zukunft, die sich auf den ersten Blick sehr von unserer Gegenwart unterscheidet, auf den zweiten allerdings erschreckende Ähnlichkeiten aufzeigt.

Cover Freestyler

Die Protagonistin Jola ist eine Sprinterin. Jede freie Minute verbringt sie beim Training, stählt und behütet ihre Beine, die das wichtigste für ihren Erfolg sind. Ihr Traum ist es, bei der nächsten Olympiade zu starten, mit ihren ganz normalen Beinen, die sie allein so lange trainiert hat, um die Schnellste zu werden. Von den optimierten Sportlern, die sich freiwillig und ohne Notwendigkeit künstliche Muskeln und andere Körperteile implantieren lassen und in der Freestyle Klasse M antreten, hält sie nicht viel. Eines Nachmittags jedoch sieht sie, wie ein Junge im Rollstuhl das Training beobachtet. Ryan hat seine Beine bei einem Autounfall verloren und seinen Lebenswillen gleich mit, bald jedoch lernt er mit Prothesen zu laufen, fühlt sich wieder besser, und nicht nur das: Er bekommt Carbon-Blades, mit denen er rasend schnell laufen kann. Ryan und Jola trainieren bald gemeinsam und eine außergewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden entwickelt sich.

Gleich würde sich alles entscheiden. Ob sich das monatelange Training gelohnt hatte. Ob sie es noch weiter nach oben schaffen würde. Oder ob sie vor Tausenden von Zuschauern versagen würde. Gleich. Gleich. (S. 55)

Ich bin ganz ehrlich: Wenn da nicht Katja Brandis auf dem Cover gestanden hätte, wäre ich mir nicht so sicher, ob ich mich so auf dieses Buch gestürzt hätte. Bei dem ersten Buch, das ich von ihr gelesen habe, Floaters, waren es die modernen Piraten und das Problem mit dem Plastikmüll, die mich überzeugt haben. Bei Freestyler habe ich meine volle Hoffnung auf die Autorin gesetzt, darauf, dass sie wieder ein packendes Jugendbuch geschrieben hat. Ich wurde nicht enttäuscht. Katja Brandis hat es echt geschafft, dass ich mich nach ein paar Seiten voller Begeisterung und Faszination in ein Thema stürzte, für das ich mich vorher kaum interessiert hatte. Und das lag hauptsächlich an zwei Gründen: an der Atmosphäre und an den überspringenden Gefühlen. Kleine Details, technisch fortgeschrittene Geräte, die wie selbstverständlich in die Geschichte eingestreut sind, lassen die nahe Zukunft vor dem inneren Auge Wirklichkeit werden. Dazu gesellt sich noch der personale Erzähler, der Jolas Leben und Alltag begleitet und den Leser darin eintauchen lässt. Von ihrem alltäglichen Training zu berichten mag im ersten Moment nicht besonders spannend klingen und nach dem ersten Wettkampf ist doch bestimmt auch erst mal die Luft raus. Nein, bei Freestyler nicht. Manchmal habe ich mich gefühlt, als würde ich selbst durch die Geschichte sprinten, so sehr ist mein Herz gerast. Bei den Wettkämpfen hatte selbst ich weiche Knie, wie konnte Jola es da nur schaffen, so schnell zu rennen?

»Sie haben Ihre Haut machen lassen, oder?«
»Nicht nur die«, sagte Keel und klopfte während des Laufens auf einen seiner Oberschenkel. »Ich starte jetzt in Freestyle. Klasse M. Es ist erst ab morgen offiziell, wäre also nett, wenn du das noch ein paar Stunden für dich behalten könntest.«
M wie Modifiziert. Schockiert starrte Jola ihn an und Keel lachte zum zweiten Mal auf. »Es ist keine Hexerei, weißt du? […]« (S. 110)

Freestyler besitzt außerdem einige gesellschaftskritische Elemente. Wie weit muss man gehen, um gut genug zu sein? Können die Menschen in dieser nahen Zukunft ohne körperliche Optimierungen überhaupt gut genug sein? Fehlt ihnen da nicht etwas, das andere Menschen schon längst wie selbstverständlich in ihr Leben — oder vielmehr: in ihre Körper — integriert haben? Jola ist eine nachdenkliche Person, die sich nicht von anderen vorschreiben lässt, was sie zu tun und zu lassen hat. Sie wägt ab, überlegt hin und her. So kommt die Kritik an dieser Gesellschaft und am Leistungssport zustande, die man auch auf die Gegenwart projizieren kann, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Zu guter Letzt: Was wäre ein Jugendbuch ohne erste Male? Eine erste Liebe? Erwachsen werden? Unaufdringlich und glaubwürdig werden auch diese Elemente in die Geschichte eingeflochten und geben Freestyler den letzten Schliff. Ich habe gar keine andere Wahl als dieses Buch einfach allen Lesern, die meine Argumentation angesprochen hat, wärmstens zu empfehlen. Es ist spannend, gefühlvoll, überraschend und einfach gut.


Katja Brandis: Freestyler. Beltz & Gelberg. 2016. 438 Seiten, 16,95€.


Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an Beltz & Gelberg und Literaturschock.

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