Funtastik: Skurrile und vielseitige Geschichten

Humor ist ja bekanntlich so eine Sache und wie vieles andere höchst abhängig vom Geschmack. Auch bei mir hat er es nicht immer leicht und deshalb bin ich bei humorvollen Geschichten zunächst skeptisch. Trifft es meinen Humor nicht, und das kommt leider recht häufig vor, so hat das ganze Buch kaum noch eine Chance. Auf Funtastik wollte ich mich aber dennoch voll stürzen, denn zwischen den 14 Geschichten muss auch etwas für mich dabei sein. Und genauso war es dann auch. Funtastik ist eine unglaublich vielfältige und abwechslungsreiche Anthologie voller humorvoller Geschichten aus der Phantastik, von High Fantasy über Steampunk zu Science Fiction – oder auch eine Mischung aus allem. Skurril, witzig, einfallsreich und absichtlich klischeehaft, das sind nur einige Begriffe, die diese Kurzgeschichtensammlung beschreiben. Weitere Details möchte ich gern in den Besprechungen der einzelnen Werke preisgeben.

Cover Funtastik

Lea Baumgart – Das Herz des Drachen

Wo es Drachen gab, gab es in der Regel auch Helden.

Cooper ist Dozent und hat seinen drei Praktikanten vom Herz des Drachen erzählt. Die haben dabei gleich Blut geleckt und zwingen ihn nun dazu, dieses wertvolle Schmuckstück für sie zu besorgen. Dass man das einem echten, lebendigen Drachen wegnehmen muss, damit haben sie nicht gerechnet. Das Setting in dieser Geschichte ist ein modernes, U-Bahnen werden erwähnt, Drachen allerdings auch. Letztere sind jedoch geheim, nur wenige wissen von ihnen, darunter Cooper, der hier in einer ziemlich brenzligen Lage ist. Humorvoll wird diese Kurzgeschichte durch geschickt eingesetzte Klischees, Situationskomik und dadurch, dass verschiedene Menschen versuchen sich gegeneinander auszuspielen und man als Leser*in ständig das Gefühl haben muss: Das kann doch jetzt echt nicht klappen.

Michael Edelbrock – Ordnung muss sein

Karl der Totengärtner wohnt in der verfluchtesten Stadt des Kontinents und beschäftigt sich gerade mit seinen täglichen Aufgaben, als eine Heldengruppe auftaucht und ihn vor einem Nekromanten warnt, der sehr wahrscheinlich seinen kompletten Friedhof aufwecken wird. Sie machen sich also auf, um mehr über diesen neuen Gast herauszufinden. Für diese Kurzgeschichte habe ich ewig gebraucht, was daran lag, dass ich ständig lachen musste — und das ist wohl das beste Kompliment überhaupt. Die Truppe erlebt ein aberwitziges kleines Abenteuer, das sehr amüsant geschrieben ist und ständig Kopfkino verursacht hat. Klischees und gängige Definitionen von Figuren und Eigenschaften in der Phantastik werden hinterfragt und machen ganz viel Witz in dieser Geschichte aus. Die verfluchteste Stadt des Kontinents, Eschapott, natürlich inklusive Brückentroll vor dem Eingang eines Einrichtungshauses, hat verdammt viel Spaß gemacht.

Reneé Engel – Blumentöpfe und ähnliche Missverständnisse

Normalerweise erklärte man den Besuchern die Bilder. Dass man einem Bild die Welt erklärt, kam eher selten vor.

Nicky ist Museumswärterin und passt nachts auf das Gemälde eines Adonis auf, das alle verrückt macht. So verrückt, dass es ständig Versuche gibt das Kunststück zu stehlen. Nicky redet sich zwar ein, dass das Bild nicht den gleichen Effekt auf sie ausübt, doch eins kommt zum anderen, sie gibt dem Gemälde einen Kuss und plötzlich steht der Adonis putzmunter vor ihr. Insgesamt hat diese Geschichte meinen Humor nicht getroffen, war aber dennoch unterhaltsam. Einige Probleme hatte ich allerdings mit dem Lookismus, der hier und da durchschien. Nicky ist eine füllige Frau, die sich allerdings danach zu sehnen scheint, dünn, sexy und blond zu sein. Ist das wirklich nötig?

Marie Braun – Zombielein ging allein…

Diese Geschichte ist vollkommen verrückt und genau aus diesem Grunde eine meiner Lieblinge in dieser Anthologie. Und das liegt vor allem an der Protagonistin Holy, undeathly, Io (ja, wirklich), die total skurril und frech, vor allem aber verrückt und fast schon geistesgestört ist; letzteres ist selbstverständlich positiv gemeint. In einem postapokalyptischen Setting voller Zombies mit den gängigen Eigenschaften wie gurgeln, schlurfen und Schleim rettet sie einen jungen Mann namens Ben und von da an verselbstständigt sich alles. Nächste Station: Brautkleid kaufen. Der junge Herr weiß gar nicht, wie ihm geschieht, aber er macht erst mal mit. Sie scheint zwar nicht ganz dicht zu sein, aber ist immerhin voller Tatendrang. In der Geschichte gibt es zudem einen Perspektivenwechsel zu Ben, der sehr viel nüchterner ist, doch gerade durch den trockenen Humor sehr witzig bleibt.

Thomas Heidemann – Das Feuersturm Fiasko – Schwer gestört und gut frisiert

Willkommen auf der Feuersturm, -äh ich meine FE ERSTUR , die anderen Buchstaben sind abgebröckelt. Und hier haben wir auch schon ein Beispiel für den Humor in dieser Space Opera: Es sind kleine Spielereien mit Klischees und wiederkehrende Details, die das immer weiter zuspitzen. Hier geht’s um die Crew auf der FE ERSTUR , um Kommandantin Saszqua und ihre Leute, die einen neuen Hilfskoch aufnehmen müssen. Dieser entpuppt sich ausgerechnet als Mensch von der Erde, mit dem klangvollen Namen Shlomo„Ich heiße Bad Axe! Ok, Axe ist auch ok.“ Wie alles andere in dieser Geschichte ist auch Axe ein wandelndes Klischee und deshalb witzig. Metalhead, laute Musik, viel Haar und Bart. Durch die Menge an überspitzten Klischees ist Das Feuersturm-Fiasko einige Male fast schon aberwitzig und auch unvorhersehbar (was man bei Klischees vielleicht nicht unbedingt erwartet), aber genau deshalb auch kurios, verrückt und toll.

Jürgen Höreth – Der Tod, die Steuern und noch viel Schrecklicheres

Tillus von Trällo hat Geldsorgen. Sein Steuerberater drängt ihn deshalb dazu sich einen Partner für sein Gewerbe, das hauptsächlich aus Meuchel- und Auftragsmorden besteht, zu suchen. Die Bewerber stellen sich also nun bei Tillus vor und werden allesamt pointiert-überspitzt dargestellt. Wir bekommen da wirklich einige Charaktere mit unterschiedlichster Herkunft präsentiert, die aufgrund ihrer krassen Eigenschaften vorhersehbar und vermeintlich flach erscheinen, mich aber genau deshalb amüsiert haben. Tillus selbst ist ein eher unmotivierter und fauler Kerl und wird deshalb von seinem Steuerberater durch die Handlung getrieben. Dies hat der Geschichte noch mal eine ganz eigene Dynamik gegeben.

Ju Honisch – Die Prophezeiung

Das hier ist DIE Geschichte für Sprachliebhaber*innen. Ich garantiere euch, dass ihr sie genießen werdet. Wir begleiten hier eine sich hassliebende Heldengruppe, die sich nur deshalb gemeinsam auf den Weg gemacht hat, weil sie alle ungefähr das gleiche Ziel vor Augen haben. Der Weg selbst besteht in dem Abschnitt, den wir hier lesen dürfen, hauptsächlich aus Diskussionen, bissigen Kommentaren und liebenswürdig-sarkastischen Dialogen. Viele Witze finden auf sprachlicher Ebene statt und genau das hat die Geschichte für mich so lustig gemacht. Da gibt es zum Beispiel eine geschlechtsneutrale ElfIn namens Yseldis-Orbar-Nyh-Shifyppah und die Amazone G’isel’a. Fancy Namen aus der Phantastik werden hier zugleich mit aktuellen Spracherscheinungen aus unserer Welt auf die Schippe genommen (auch wenn beides natürlich gute Gründe hat, dass es existiert — ok, eins vielleicht mehr als das andere). Diese Spielereien zusammen mit dem kreativen Wortwitz haben mir eine der lustigsten Geschichten in dieser Anthologie beschert.

Alisha Pilenko – Ein (fast) perfekter Plan

Eine Ich-Erzählerin namens Feder und ihre beiden Gefährten Falke und Streuner sind die Protagonisten dieser Geschichte; letzterer ein Hund, der immer zum richtigen Zeitpunkt mit einem gut gesetzten Schnapper um die Ecke kommt. Feder und Falke planen gerade das Feuerauge von Yaldhos zu stehlen. Anscheinend ist das nicht der erste Plan dieser Art und noch viel wahrscheinlicher sind alle andere Pläne vorher grandios schief gelaufen. Aber das hält sie trotz einiger Bedenken von Falke nicht ab. So entspinnt sich also ein tollpatschiger Plan mit einer noch tollpatschigeren Umsetzung, es geht einfach alles auf jede erdenkliche und vor allem unerdenkliche Weise schief. Feder und Falke necken und streiten sich am laufenden Band, daraus entsteht für die gesamte Geschichte ein frecher Tonfall, der mir gefallen hat. Für mich war diese Kurzgeschichte insgesamt nicht unbedingt witzig, aber das war kein Problem, denn sie hat dennoch Spaß gemacht.

Christian Reul – Die beeindruckenden Uhrgeheuer des Meistermechanikers Lord Rumknut

Eine Piratengeschichte, jipiieh! Und dann auch noch Steampunk! Leonardo Enrique Bunbury ist Kapitän des Luftschiffs Elster, die eine Besatzung voller Gremlinge hat. Diese haben momentan ein Problem, nämlich: Hunger. Und nur noch Brot an Bord, kein Brotbelag. Sie machen sich nun auf die Suche danach und überlegen sich einen Plan, wie sie da ran kommen. Leider kam mir bei dieser Geschichte der Stil in die Quere. Es gibt teilweise wirklich lange Schwurbelsätze, die nicht einfach aufzunehmen waren. Einige Male habe ich sogar gerätselt, ob die Grammatik am Ende des Satzes überhaupt noch zu der am Anfang passt, und das hat leider ziemlich gestört. Das ist schade, weil der Plot selbst nämlich wirklich witzig war, ich aber vom Stil abgelenkt wurde.

Patricia Rieger – Die Omega-Strategie

HICKS Medonia, ein Arachnamade, möchte Piepsmelkmuzvüg, kurz Erde, erobern. Wir befinden uns einem Science Fiction-Setting mit, nun ja, aberwitzigen Regeln, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. Die Arachnamaden sind in ihrem Raumschiff unterwegs, haben Piepsmelkmuzvüg entdeckt und als invadierfähigen Planeten ausgemacht. Es dürfen nur dann Planeten eingenommen werden, wenn dessen Bewohner weniger weit entwickelt sind als diejenigen, die invadieren. Die Menschen werden für solche gehalten, überraschen aber am laufenden Band mit ihrem Fortschritt, zum Beispiel dem Teilchenbeschleuniger, aber auch Verschwörungen wie Chemtrails. Daraus entsteht eine bunte Mischung aus Verschwörungstheorien, die auf die Schippe genommen werden, und einer unterschwelligen Kritik an Umweltverschmutzungen und ähnlichen Themen. Am meisten gefallen hat mir hier der Wortwitz, der besonders bei passenden Abkürzungen zum Tragen kommt (siehe HICKS Medonia oder Piepsmelkmuzvüg), und auch Anpassungen auf sprachlicher Ebene an die Eigenschaften der Arachnamaden. Besagter HICKS Medonia zum Beispiel scheint seine Zeit am liebsten in seinem Kommandonetz zu verbringen.

Frank Sawielijew – Abenteuermangel im Abenteuerland

Die Tiefkühl-Barbarin Jorunna zieht wie so viele andere ins Abenteuerland und möchte dort Ruhm und Ehre erlangen. Bereits im ersten Dorf, durch das sie gelangt, bemerkt sie jedoch die erschreckende Abwesenheit von möglichen Abenteuern und ein Gasthausbesitzer erklärt ihr auch sofort, warum das so ist: Es gibt zu viele Abenteurer und deshalb keine Gefahren mehr. Dieses Dorf und besonders das Gasthaus haben nun damit zu kämpfen, dass sie keine Gäste mehr haben, weil es dort einfach zu langweilig geworden ist. Jorunna soll dies nun ändern und entwickelt dabei die komischsten Methoden, um den Abenteuertourismus wieder aufleben zu lassen. Auch hier hat mir wieder der Wortwitz gefallen und die Hintergrundgeschichte ist klasse und gut durchdacht. Insgesamt ist diese Kurzgeschichte zwar etwas einfach und linear gestrickt, aber dennoch sehr lesenswert.

Corinna Schattauer – Schrödingers Vampir

Der Protagonist dieser Geschichte ist verflucht. Um ihn herum passiert immer das, was am wenigsten wahrscheinlich ist. Er hat also gleichzeitig unglaublich viel Glück und Pech. Er könnte im Lotto gewinnen, aber beim Abholen des Geldes von einem Elefanten überrannt werden, so ähnlich stelle ich mir das vor. Die Situationen in dieser Kurzgeschichte sind allerdings weitaus ulkiger als mein Beispiel. Er hat nun ein Schloss in Transsylvanien geerbt und trifft dort auf die Königin der Vampire und im nächsten Atemzug auch noch auf Han Velsing, den die Königin allerdings so schnell wie möglich loswerden will. Seine unwahrscheinlichen „Fähigkeiten“ sollen nun also genutzt werden, um den Vampirjäger loszuwerden. Daraufhin geschehen die absurdesten Dinge; das Unwahrscheinlichste darf ja schließlich nichts Gewöhnliches sein. Schrödingers Vampir war witzig und hatte eine unerwartete ernste, tiefgehende Note.

Martina Schiller-Rall – Speckled Eggs – oder wie gefleckte Eierschalen eine Welt verändern können

Die Orks müssen immer noch die Schulden ihrer lang verstorbenen Vorfahren abzahlen und werden allgemein für dumm gehalten, weil viele ihrer Spezies es sind. Angesehen sind sie in der Gesellschaft also nicht, sondern werden eher als Diener wahrgenommen, die für eben jene Schulden arbeiten müssen. Die Ork-Frau Sharin ist eine Schiffs-Adjuntantin und entspricht überhaupt nicht dem Klischee, denn sie hat ordentlich was im Kopf. Und ja – Orks im Weltall. Genial, nicht? In dieser Geschichte gibt es ein Problem mit den Triebwerken, mit einem Drachen und vor allem mit der Kommunikation und Missverständnissen. Sharin wird wenig beachtet und entsprechend wird auch nicht viel mit ihr geredet, da kann es schon mal passieren, dass sie Anweisungen selbst interpretieren oder ausweiten muss. Am meisten hat mir hier die Vermischung von Science Fiction und Fantasy gefallen, einige lustige Momente gab es auch, ansonsten war es eher eine „normale“ und lesenswerte Phantastik-Kurzgeschichte.

Christina Wuttke – Schön oder nicht schön, das ist hier die Frage

Am Ende der Anthologie bekommen wir noch eine kurze und knackige Geschichte über einen Schönheitswettbewerb, an der die Protagonistin Lara teilnehmen möchte. Sie ist eine Zyklopin und zunächst nicht so begeistert von der Idee, ihre Familie und ihr Freund Gurrk reden ihr aber gut zu. Die Darstellung der anderen Teilnehmerinnen und die Art und Weise, wie Gurrk nachhilft, dass Lara besser dasteht als die anderen, brachten einige witzige und niedliche Momente mit sich, mehr allerdings nicht. Einige tiefgehende Hintergründe hätten der Geschichte bestimmt gut getan.

 

Funtastik ist eine absolut lesenswerte Anthologie für alle, die Humor und Phantastik oder auch humorvolle Phantastik mögen. Durch die bunte Mischung der Genres und die verschiedenen Arten des Humors kann hier nur für jeden was dabei sein. Der Leseratten Verlag hat eine tolle Auswahl getroffen und viele tolle Autor*innen und Geschichten in dieser Sammlung vereint.


Marc Hamacher (Hrsg.): Funtastik. Funtastische Kurzgeschichten. Leseratten Verlag. 2016. 360 Seiten.


Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an den Leseratten Verlag.

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