Gated von Amy Christine Parker

Cover Gated

Englischsprachige Ausgabe, erschienen im Ember-Verlag.

Ursprünglich war dieses Buch ein absoluter Coverkauf. Die Farben haben mich fasziniert und auch das Motiv an sich. Ganz schön creepy, diese gesichtslose Frau, vor allem, wenn sich herausstellt, dass es fast perfekt zur Geschichte passt. Das Bild, das für dieses Cover verwendet und bearbeitet wurde, kommt übrigens vom zeitautomatik.com und ist auch im Original schön anzusehen. Wenn dann auch noch der Klappentext irgendwie interessant klingt, kann mich nichts mehr halten. Manchmal passiert das, muss ich ganz ehrlich gestehen. Was mich erwarten wird, wusste ich trotzdem nicht wirklich. Es klang zunächst erst mal nach Dystopie oder Apokalypse. Bevor ich meine englische Ausgabe dann tatsächlich gelesen habe, erschien auch die deutsche Übersetzung (und auch die vom zweiten Teil *hust*) mit dem Untertitel “Die letzten 12 Tage”, was den Eindruck der Apokalypsengeschichte nur verstärkt hat. Ein bisschen davon ist in der Geschichte auch vorhanden, doch eigentlich geht es um die Community, eine Gruppe von Familien, die auf einem abgelegenen, riesigen und abgeschotteten Grundstück wohnen und sich fast komplett selbst versorgen. Sie bereiten sich auf das Ende der Welt vor, das ihr Anführer Pioneer vorausgesagt hat. Für diese Art der Gemeinschaft fällt mir nur ein Begriff ein: Sekte. Obwohl sie selbst das natürlich abstreiten würden und sowieso alle Leute, die sie so nennen, abgrundtief böse sind.

Gated beginnt zu einer Zeit, da die Familien schon zehn Jahre in dieser Community leben, und begleitet den Alltag der jungen Frau Lyla. Es beginnt gleich mit einer ziemlich skurrilen Szene: Eine Gruppe von Jugendlichen übt den Umgang mit Gewehren, indem sie auf Holzpuppen schießen, und sollen auf Anweisung von Pioneer (zu Deutsch übrigens “Vorreiter”, “Bahnbrecher” und natürlich ist das ein selbst gewählter Name) gezielt Herz oder Kopf anvisieren. Lyla sieht bei diesem Übungen allerdings echte Menschen vor ihrem inneren Auge und bringt es nicht über sich, diese — wenn auch nur symbolisch — zu töten. Denn genau das ist natürlich auch das Ziel dieser Übung: Die Familien sollen desensibilisiert werden, damit sie sich im Falle eines Angriffs verteidigen können. Auf ihrem Gelände gibt es nämlich nicht nur die Häuser, Felder und Ställe, sondern auch ein Silo, in das sie kurz vor dem Ende der Welt einziehen können. Und da nur diese Familien die Auserwählten sind, wie Pioneer in seinen zahlreichen Visionen erfahren hat, muss dieses Silo mit allen Mitteln gegen die bösen Menschen von draußen verteidigt werden.

Cover Gated

Deutschsprachige Ausgabe, erschienen beim DTV.

Beim Lesen wurde mir also sehr schnell klar, dass das hier wohl kaum eine Dystopie ist. Wenn überhaupt dann eine Art Utopie. Vielmehr geht es hier um die Sekte, wie sie aufgebaut ist, wie die Menschen denken und wie der Alltag ist, während sie sich auf den bevorstehenden Weltuntergang vorbereiten. Und genau das erarbeitet Amy Christine Parker richtig gut. Mit jedem Kapitel wurde mein Knoten im Bauch fester, meine Wut heftiger und mein Unverständnis größer. Lange Zeit habe ich mich darüber geärgert, dass Lyla die Einzige zu sein scheint, die auch nur annähernd so etwas wie Zweifel hat. Es kann doch nicht sein, dass alle anderen alles, was Pioneer sagt, einfach schlucken, oder? Deshalb habe ich auch ziemlich lange an der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gezweifelt. Mit dem Verlauf einiger Kapitel, in denen immer eindringlicher nicht nur der Alltag, sondern auch die Person Pioneer selbst dargestellt wurden, habe ich mich langsam gefragt: Warum sollte das nicht glaubwürdig sein? Mir sind nämlich so langsam die folgenden Worte in den Sinn gekommen: Manipulation, Konditionierung, Angst, Abhängigkeit. Denn das ist genau das, was hier passiert ist. Pioneer hat sich scheinbar gezielt Familien ausgesucht, die gerade einen schlimmen Schicksalsschlag erlebt haben (beispielweise das spurlose Verschwinden eines der Kinder) und deshalb sehr schwach und leicht beeinflussbar waren für die Einflüsterungen und Versprechungen von einem perfekten Leben abseits der bösen Welt. Und durch weitere Angst, durch scheinbar logische Regeln und langsamer Konditionierung sind sie schwach und abhängig geblieben.

Diese Eindrücke stammen noch vom Beginn der Geschichte, mit der Zeit wird alles nur noch bedrückender und hilfloser. Als Lyla irgendwann auch noch jemanden von außerhalb der Gemeinschaft trifft, wird es schließlich immer spannender und es ist mir schwer gefallen das Buch aus der Hand zu legen. An sich gab es in diesem Buch zumindest für mich keine sehr überraschenden Wendungen, der Weg war relativ klar ausgelegt. Spannend war für mich allerdings herauszufinden, welche Beweggründe Pioneer hat. Und ultimativ spannend waren meine eigenen Gefühle beim Lesen. Es gab selten vorher ein Buch, das so viel Wut in mir ausgelöst hat. Im Grunde hatte ich längst verstanden, warum die Menschen in dieser Sekte so handeln und denken. Allerdings bin ich immer wieder fast an die Decke gegangen, wenn jemand Pioneers absurde Regeln verteidigt hat, weil es ja ach so tolle Gründe dafür gäbe. Sogar Lyla selbst war teilweise so. Ach, und noch so viel mehr, das ich hier aber gar nicht alles nennen kann, weil man sonst das Buch nicht mehr lesen bräuchte. Denn ich muss hier eine ganz klare Leseempfehlung aussprechen. Lyla selbst war zwar nicht immer die angenehmste Protagonistin und manchmal etwas nervig, aber insgesamt eine tolle treibende Kraft. Einige Male hätte ich mir gewünscht, dass die Handlung schneller voran getrieben wird, statt dass sich die Autorin mit weiteren alltäglichen Momenten des Sektenlebens aufhält. Meinetwegen hätten auch weitere Details schon in diesem Buch tiefer ausgearbeitet werden können, aber stattdessen gibt es nun einen zweiten Band. Nun ja, kennt man ja schon, einige lose Fäden müssen für das nächste Buch zurückgelassen werden. Astray (deutscher Titel: Gated. Sie sind überall) werde ich auf jeden Fall auch lesen, nicht nur um zu wissen, wie es mit Lyla weitergeht, sondern auch mit all den anderen Menschen in der Community, deren Hörigkeit mich so nachhaltig berührt und wütend gemacht hat.


Reiheninformation:

#1: Gated (Gated: Die letzten 12 Tage)
#2: Astray (Gated: Sie sind überall)


Über die Autorin:

Amy Christine Parker machte in Lakeland, Florida, ihren Abschluss als Grundschullehrerin und versuchte sich dann in vielen verschiedenen Jobs, bevor sie erkannte, was sie wirklich will: Bücher schreiben. Heute arbeitet sie als hauptberufliche Autorin und wohnt mit ihrem Mann, ihren beiden Töchtern und einer unbeschreiblich fetten Katze in der Nähe von Tampa, Florida. (Quelle: DTV)


Amy Christine Parker: Gated. Ember. 2014. 339 Seiten, ca. 7 – 18€ je nach Ausgabe.

Deutschsprachige Ausgabe: Amy Christine Parker: Gated. Die letzten 12 Tage. Übersetzt von Bettina Münch. Deutscher Taschenbuch Verlag. 2014. 336 Seiten, 16,95€.

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