Grenzlandtage von Peer Martin und Antonia Michaelis

Cover Grenzlandtage

Dies ist das dritte Buch in Folge, das ich zum Thema Flucht und Geflüchtete gelesen habe. Und trotz der Bilder und Gedanken, die ich dank der beiden vorherigen Bücher Es war einmal Aleppo und Das Schicksal der Sterne noch im Kopf hatte, hat mich auch Grenzlandtage wieder sehr berührt. Auf andere, auf besondere Weise. Peer Martin und Antonia Michaelis haben einen ganz speziellen, träumerischen Schreibstil, mit dem sie ihre Protagonistin Jule auf eine einsame, kleine griechische Insel schicken.

Jule und ihre Freundin Evelyn wollten in den paar freien Wochen vor den Abiturprüfungen einen erholsamen Urlaub auf einer winzigen Insel in Griechenland machen. Doch Evelyn wird leider im letzten Moment krank und so muss sich Jule allein auf den Weg machen, allein in dem kleinen Ferienhäuschen wohnen und ihre Tage allein auf der Insel verbringen. Viele andere Touristen sind noch nicht da, dafür ist es noch zu früh, obwohl es schon recht warm ist. Aber da Jule sich sowieso entspannen und zwischendurch fürs Abitur lernen möchte, ist ihr das nur Recht. Allerdings merkt sie recht schnell, dass sich zwar keine weiteren Touristen auf der Insel befinden, aber dass da doch noch ein Grüppchen abgerissener, hungrig und schwach wirkender Menschen ist, die nicht zu ein Einheimischen gehören und sich zwischen den Felsen verstecken.

Und dann begriff sie, dass sie gar nichts sagen musste. Sie schluckte alle Fragen hinunter und schwieg. Nach einer Weile wurde das Schweigen leichter, nach einer Weile wich die Anspannung. Sie sahen zusammen aufs Meer hinaus wie beim letzten Mal, und dort, dachte Jule, traf sich ihr Schweigen, ihres und seines: am Horizont. (S. 99)

Jule lernt Asman kennen. Asman, der über das Meer gekommen ist, dessen Gruppe auf dieser Insel gelandet ist, die gar nicht ihr Ziel war, die aber ihr Ziel sein musste, wenn nicht noch mehr im Meer bleiben sollten. Die beiden lernen sich langsam kennen, Jule lernt auch noch andere der Geflüchteten kennen, versteht langsam, wer sie sind, woher sie kommen und vor allem: warum sie sich verstecken. Auch wir Leser*innen lernen diese Menschen kennen, einige kurze Passagen lesen wir auch aus ihrer Perspektive; und die geben Einblicke, die wirklich nicht ohne sind.

Der große Teil dieses Buches ist allerdings aus Jules Perspektive geschrieben. Jule selbst ist ein träumerisches Mädchen; eines, das sich viele Gedanken macht, dabei in ihrem Kopf hin und her springt und immer was mit ihren Händen zu tun haben muss. Sie sammelt Dinge, die sie findet, und bastelt die schönsten Dinge daraus. Der Schreibstil spiegelt das wunderbar wider.

Jule balancierte ein ganzes Stück auf der Mauer.
Vor ihr gaukelte ein kleiner Falter mit plumpem, pelzigem Körper durch die Luft. Die Glocken an der Kette klingelten manchmal leise, sie spürte die Muscheln auf ihrer Haut, und sie schlüpfte aus der Regenjacke und band sie um; ihr war jetzt warm von der Bewegung. Sie wollte den Wind spüren. Es war, als könnte man die Ferne berühren. (S. 24)

Zu Beginn und über weite Strecken fand ich das Buch, die Geschichte und die Stimmung darin wunderbar. Trotz des träumerischen Stils wurde nichts beschönigt, es wurde nur auf einer besonderen Ebene von den Geschehnissen und Gedanken berichtet. Ab einem bestimmten Punkt wurde es mir allerdings etwas zu viel, zu übertrieben und damit leider unglaubwürdig. Einige Handlungen hätten sicherlich auch ihre Wirkung entfaltet, wenn sie weniger aufgeblasen dargestellt worden wären.

Peer Martin und Antonia Michaelis haben ein Buch geschrieben, das durch die Thematik ein wichtiges ist, durch den Schreibstil ein besonderes und durch die Charaktere ein wundervolles. Ich kann es trotz der übertriebenen Szenen, die es einige Male gibt, sehr empfehlen.

Vor ihr saß ein ungefähr zwanzigjähriger Palästinenser mit einer verletzten Hand, der glaubte, zweiundsiebzig Menschen auf dem Gewissen zu haben, und der dennoch vorwärts lebte und Witze machte, und hielt einen Keks in der Hand und weinte. Lautlos. (S. 141)


Weitere Besprechungen:


Peer Martin und Antonia Michaelis: Grenzlandtage. Oetinger. 2016. 464 Seiten, 13,99€ (Taschenbuch).

2 Kommentare

  • Ich kann leider mit dem Schreibstil von Antonia Michaelis so gar nix anfangen. :-(
    „Das Schicksal der Sterne“ werde ich mir aber mal näher anschauen.

    • Ach schade, die Geschichte selbst ist nämlich echt lesenswert. Aber ich kann mir vorstellen, was du meinst, es ist sehr speziell geschrieben. Für mich war es das erste Buch von Antonia Michaelis und auch das erste von Peer Martin, ich kann also noch gar nicht richtig einschätzen, wer da welche Einflüsse hatte. :D
      Aber es freut mich, dass ich dich auf „Das Schicksal der Sterne“ neugierig machen konnte!

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