Im Glashaus gefangen zwischen Welten von Devakumaran Manickavasagan

Cover Im Glashaus gefangen zwischen Welten

Das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 beweist noch mal mehr, wie wichtig es ist, dass Bücher mit und über Menschen mit Migrationshintergrund existieren und gelesen werden. In Im Glashaus gefangen zwischen Welten: Ein Leben zwischen zwei Kulturen erzählt Devakumaran Manickavasagan von seinen Erfahrungen, seiner Familie, der tamilischen Kultur und einem Leben mit diesem Hintergrund in Deutschland. Sein Vater kam zunächst allein nach Deutschland, bis einige Jahre später seine Mutter mit Devakumarans Geschwistern vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka fliehen konnte. Nicht nur die Ankunft der Eltern in Deutschland wird beleuchtet, sondern auch die Kindheit und Jugend des Autors sowie die einiger weiteren Tamil*innen im Exil, mit denen er gesprochen hat.

Auffällig an diesem Buch ist von Beginn an die teils harsche Kritik an der tamilischen Kultur, insbesondere an der Art und Weise, wie diese von tamilischen Gesellschaften im Exil ausgelebt wird. Devakumaran Manickavasagan beschreibt zunächst die Ankunft seiner Eltern und dann sehr ausführlich seine eigene Kindheit und Jugend in Deutschland und analysiert dabei die Probleme und Hindernisse, vor die betroffene Personen gestellt werden. Insbesondere andere Tamil*innen, aber auch Menschen, die zwischen oder mit mehreren Kulturen aufgewachsen sind, werden sich sicher in diesen Analysen wiederfinden können. Gleichzeitig dazu gibt der Autor Ratschläge und Lebensweisheiten wieder, die er im Laufe seines Lebens gefunden und für wichtig eingestuft hat. Mitunter wirkt das Buch deshalb über längere Strecken wie ein belehrendes Selbsthilfebuch. An diesen Stellen hab ich mir oft gewünscht, mehr über die tamilische Kultur selbst zu erfahren. So herrschte allerdings die negative Darstellung vor, die bei mir das Gefühl hinterließ, dass man bei den beschriebenen Erfahrungen die Kultur unbedingt sofort hinter sich lassen sollte. Die Beispiele, die der Autor dabei innerhalb dieser Darstellung heranzieht, möchte ich natürlich nicht relativieren, denn die Kritik daran ist berechtigt, kann zusätzlich aber auch auf andere Kulturen übertragen werden. Mitunter entstand beim Lesen jedoch das Gefühl, dass nur mit dem Ausbruch aus dieser einen Kultur ein besseren Leben erreicht werden könne, nicht beachtend die zu kritisierenden Eigenschaften der heutigen deutschen Gesellschaft. Dass bei uns noch sehr viel Entwicklung nötig ist, bis alle Menschen(gruppen) fair behandelt werden, wird somit gar nicht thematisiert.

Die Erzählungen in diesem Buch beginnen zunächst in einer klaren, nachvollziehbaren Reihenfolge, die allerdings mit der Zeit immer sprunghafter wird. Die verschiedenen Kapitel springen vom einen Thema über den nächsten Brauch zur speziellen Erziehungsmethode, um dann wieder beim ersten Thema zu landen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass der Autor einfach zu viel auf einmal in das Buch und die Kapitel einarbeiten wollte, und deshalb im Meer der Analysen und Ratschläge einen sichtbaren roten Faden verloren hat. Gleichzeitig war mir die Grenze zwischen eigenen, autobiographischen Erzählungen und den Berichten anderer Tamil*innen, mit denen der Autor gesprochen hat, nicht ganz klar, beispielsweise wenn eher allgemein von „(tamilischen) Kindern und Jugendlichen“ geschrieben wurde. Persönliche Einblicke waren das, was mir an diesem Buch am meisten gefallen hat, doch viele Male habe ich sie durch diese fehlende Trennung vielleicht nicht erkannt.

Devakumaran Manickavasagan ist wie viele andere Menschen in ähnlichen Situationen zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Zuhause und in seinem familiären Umfeld wurden tamilische Traditionen gepflegt, in der Schule und bei Freunden hat er andere Lebensweisen erlebt. Eine Kritik an der Gesellschaft der Tamil*innen im Exil steht in diesem Buch im Vordergrund, Kultur in Deutschland wird dabei erwähnt, aber viel weniger analysiert. Der Autor kritisiert viele wichtige Themen, die tamilischen Kindern oft unhinterfragt vorgelebt werden, geht dabei aber häufig meines Erachtens nicht weit genug. So werden klischeehafte Rollenzuschreibungen von Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männern, wie er sie in seiner Kindheit und Jugend häufig erlebt hat, treffend analysiert, aber dennoch wird insgesamt auch in dieser Kritik aus einer heteronormativen Welt nicht ausgebrochen. So werden zwar Alltagssexismus und Unterdrückung in dieser Kultur kritisch analysiert, aber durch die vorgestellte heteronormative Gesellschaft leider weiter reproduziert.

An dieser Stelle fällt es mir schwer das Buch abschließend zu bewerten. Einerseits halte ich es nach wie vor für wertvoll, weil es umfassend beleuchtet, wie Migrantenkinder, insbesondere tamilische, in Deutschland aufwachsen und welche Besonderheiten für sie gelten. Andererseits wird trotz aller Kritik an tamilischen Werten Heteronormativität reproduziert, auch wenn dies häufig als gut gemeinte Ratschläge für beispielsweise heile zwischenmenschliche Beziehungen auf Augenhöhe verpackt ist. Devakumaran Manickavasagan möchte mit diesem autobiographischen Buch viele Menschen erreichen. Meine Empfindung ist, dass er dies nur teilweise schafft. Betroffene Menschen werden sich in „Im Glashaus gefangen zwischen Welten“ sicher viel häufiger wiedererkennen können als ich und für sie können deshalb auch die Ratschläge hilfreich sein. Aus meiner Perspektive haben mir diese Ratschläge und vorangegangene Analysen immerhin gezeigt, wie betroffene Kinder und Jugendliche aufgewachsen sind und wie sich dies auf ihre Psyche ausgewirkt haben könnte. Gewünscht hätte ich mir dennoch eine etwas mehr strukturierte Darstellung der tamilischen Kultur und Gesellschaft.


Weitere Besprechungen:

  • bei Elif | The Written Word:

    Ein Buch über das Leben zwischen zwei Kulturen, über Migrantenkinder, das vieles aufgreift, aber das Essentielle außer Acht lässt. Eines, das unter „Integration“ eigentlich „Assimilation“ versteht und so sicher einigen Leuten gefallen mag, die sich ein Ablegen der „fremden“ Kultur wünschen, mir leider weniger.

  • bei Sascha | Koreander:

    Wenn man sich darauf einlässt, dass Im Glashaus eher ein Ratgeber für Migranten ist, der Gedankenanstöße liefern kann, dann ist es eine lohnenswerte Lektüre.

  • bei den Booknerds:

    Letztendlich ist „Im Glashaus gefangen zwischen Welten“ ein starkes und vor allem wichtiges Buch, welches jedem ans Herz zu legen ist, der ergründen möchte, warum es manche Migranten in ihrer neuen Heimat so schwer haben […].


Devakumaran Manickavasagan: Im Glashaus gefangen zwischen Welten: Ein Leben zwischen zwei Kulturen. 2016. 152 Seiten, 7,99€ (E-Book).


Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an den Autor Devakumaran Manickavasagan.

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