Irrlichter: Das Licht zwischen den Welten von Pia Hepke

Cover IrrlichterNicole möchte eigentlich nur die Wette, die sie mit ihrem besten Freund Simone abgeschlossen hat, gewinnen und treibt sich deshalb mitten in der Nacht auf dem Friedhof herum. Die Gerüchte über Irrlichter, die dort seit neuestem auftauchen sollen, nimmt sie nicht ernst. Als die Turmuhr zu Mitternacht schlägt, sieht alles normal aus und sie möchte schon gehen, als sie plötzlich doch ein bläuliches Leuchten hinter einem Grabstein entdeckt. Und tatsächlich sitzt dort ein Junge, ziemlich schnippisch und frech, der seine Artgenossen sucht. Wenn sie eh schon mal hier ist, denkt sich Nicole, dann kann sie ihm ja auch gleich helfen. 

Diese kurze Geschichte von knapp 200 Seiten war ursprünglich eine noch kürzere Geschichte, deren Potential Pia Hepke hier ausgenutzt hat, um die Charaktere weiter auszubauen und noch einiges mehr miteinander erleben zu lassen. Wie ich es von ihrer Drachensaga auch schon gewohnt war, trifft man hier wieder auf eine sehr bodenständige, nachdenkliche und ruhige Protagonistin. Diese Charaktereigenschaften findet man auch im Schreibstil wieder, der mir sehr gut gefallen hat. Nicole denkt viel nach und beobachtet ihre Umwelt und dies wird vom atmosphärischen Stil super unterstützt.

„Es ist besser so. Vergiss mich einfach. Lass los …“ Er musterte sie nun um ein vielfaches trauriger, was es ihr nur umso unmöglicher machte, den Blickkontakt zu unterbrechen. „Aber du hast mich doch aufgesucht“, antwortete sie, ohne großartig über die Worte nachgedacht zu haben. Sie waren einfach so aus ihrem Mund gepurzelt. Anstelle einer Antwort verzog sich sein Gesicht nur zu einem halben Lächeln, dann schloss er die Augen und brach den Kontakt ab. Das Licht erlosch und Dunkelheit kleidete sie ein. Und mit seinem Leuchten verschwand auch die Erinnerung an sein Erscheinungsbild wieder.

Das Irrlicht Wrin und seine Gefährten sind auch ziemlich interessante Charaktere. Zuerst ziemlich launisch, zeigt Wrin dann auch sanftere Seiten und so entwickelt sich eine ganz langsame und zarte Liebesgeschichte. Nicole und Wrin verbringen sehr viel Zeit miteinander und ihre Dialoge sind mal witzig, mal richtig rührend, mal geladen. Das ein oder andere Mal musste ich ziemlich schmunzeln, weil ich die beiden so niedlich fand. Auch die Nebencharaktere hatten ziemlich interessante Ansätze, aber ich hatte doch nicht das Gefühl, dass ich sie richtig kennenlernen konnte — vielleicht war die Geschichte einfach zu kurz? Hier und da hat man sie mal getroffen und Kleinigkeiten über sie erfahren, doch so richtig greifbar wurden sie für mich damit leider doch nicht.

Wrin starrte versunken auf seinen Arm. Weiße Strähnen seiner Haare fielen ihm ins Gesicht und Nicole verspürte mit einem Mal das Bedürfnis, ihm diese aus den Augen zu streichen. Um sich davon abzulenken konzentrierte sie sich auf ihre nächste Frage.

Die Kürze der Geschichte war mich leider auch tatsächlich ein kleiner Minuspunkt. Obwohl man das ja auch wieder als Pluspunkt sehen könnte, wenn ich gern noch mehr von dieser Geschichte gelesen hätte. ;) Den Hintergrund der Irrlichter — woher sie kommen und was sie nun für eine Aufgabe haben — fand ich sehr interessant, wenn es auch nicht gerade eine 100% neue Idee war, die man so ähnlich noch nie gesehen hätte. Das Setting auf dem Friedhof und die Annäherung von Nicole und Wrin haben Pia Hepkes Interpretation von Irrlichtern noch die richtige Würze gegeben. Trotzdem hätte ich auch hier gern noch viel mehr erfahren, das dieser ganzen Idee noch mehr Tiefe hätte geben können. Mehr zur Geschichte der Irrlichter, weitere Erlebnisse aus der Vergangenheit, oder auch nur ein paar zusätzliche Szenen zwischen Nicole und Wrin, in denen man ihre Beziehung zueinander noch mehr spüren kann. Wie schon gesagt: Meinetwegen hätte dieses Buch noch so einige Seiten mehr haben können.

Jedes Mal, wenn sie nicht mehr in Wrins Nähe war, machte sich ein beklemmendes Gefühl in ihr breit. Und dieses Gefühl wurde mit jedem Tag stärker. Es war, als ob sich ein unsichtbares Seil um ihren Brustkorb legte und ihn zusammendrückte.

Irrlichter: Das Licht zwischen den Welten ist eine schöne kleine Geschichte über ganz besondere Irrlichter, die besonders durch ihre spürbare Atmosphäre glänzt. Nicole, Wrin und die Irrlichter sind interessante Charaktere, die ich gern noch auf vielen, vielen weiteren Seiten kennengelernt hätte.


Dieses Buch habe ich gelesen, während…

  • ich zum ersten Mal im neuen Wintergarten meiner Eltern saß
  • und mich dabei tierisch gefreut habe, dass Regentropfen mir nichts anhaben können, sondern auch noch hübsch aussehen, wenn sie auf dem Glasdach in der Sonne glitzern.

Über die Autorin:

Pia Hepke wurde 1992 in Oldenburg i.O. geboren.

Schon immer haben sie Büchern begeistert. Nicht selten kommt es vor, dass sie zu einem wahren Lesemarathon aufbricht. Dann wird bis spät in die Nacht gelesen und die Bücher werden regelrecht verschlungen.

Ansonsten verbringt Pia ihre Zeit gerne mit ihren beiden Pferden und ihrem Hund. Diese müssen öfters als Foto- oder Malobjekte herhalten. Da es ihr an Fantasie nicht mangelt, liegt es nahe die vielen Ideen auch in schriftlicher Form aufs Papier zu bringen. Was sie als 15-jährige erstmals verfasste, wurde in den folgenden Jahren mehrmals überarbeitet, bis es zu ihrem ersten Roman herangewachsen ist.


Pia Hepke: Irrlichter. Das Licht zwischen den Welten. Selbstverlag. 2015. 187 Seiten, 7,99€ (Taschenbuch), 2,99€ (Ebook).

2 Kommentare

  • Schöne Rezi :-) Ich persönlich finde ja, dass es keine 100%ig neuen Geschichten mehr gibt, wenn man viel liest. Ob das wirklich schlimm ist, muss jeder für sich entscheiden….

    • Danke! Du hast recht, bei der heutigen Fülle an Geschichten ist was ganz neues kaum noch möglich. Ich hab das hier auch einfach nur erwähnt, das Buch hat mir ja „trotzdem“ gut gefallen.

Kommentar verfassen