Wie wird aus einem Buch ein Lieblingsbuch?

Zum Thema Lieblingsbücher habe ich mal den Satz geäußert: „Ein Buch ist bei mir nur dann ein Lieblingsbuch, wenn ich es mehrmals gelesen habe.“ Denn wenn mir ein Buch so gut gefällt, dass es zum Lieblingsbuch werden könnte, lese ich es automatisch noch ein weiteres Mal. Und noch mal. Und nächstes Jahr noch mal. Aber auch beim ersten Lesen muss doch etwas passieren, das mir so viel Sehnsucht nach einer Geschichte bereitet, dass ich dieses Buch direkt nach dem Auslesen noch mal lesen möchte. Ich möchte also hiermit versuchen eine mögliche Definition zu finden, wie aus einem Buch ein Lieblingsbuch wird.

Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht — erst recht.
(aus: Spieltrieb von Juli Zeh)

Sehnsucht und Heimweh

Es gibt diese Bücher, die nach dem Lesen ein Gefühl bei mir zurücklassen, das ich nicht wieder loswerden möchte. Das fühlt sich ein wenig nach Heimweh an. Das fühlt sich danach an, dass ich diese Welt, diese Stimmung und diese Figuren noch nicht verlassen möchte. Dann bin ich nicht bereit loszulassen, abzuschließen oder mich auf eine andere Geschichte einzulassen. Dabei scheint es vollkommen egal zu sein, ob das Ende dieses Buchs rund, offen, zufriedenstellend oder vollkommen zerstörend war. Dieser Zustand kann offenbar immer eintreten und hat — selbstverständlich — etwas mit dem kompletten Buch zu tun. Natürlich kann aber auch ein Ende dafür sorgen, dass ich ein Buch direkt noch mal von vorn beginnen möchte. Wenn es beispielsweise traurig endet, möchte ich vielleicht zurück an den Anfang, als alles noch toll und heil war, als es noch nicht so ausweglos erschien. Oder wenn ein Ende zu kitschig und glitzernd war, möchte ich vielleicht zurück in die Welt, die sich noch nicht so kitschig und vielleicht irgendwie echter angefühlt hat. Gefühle sind für mich immens wichtig dabei. Das Buch muss nicht nur gut geschrieben sein, sondern es muss mich auf ganz vielen Ebenen einfach packen und emotional mitreißen. Ich muss mich nicht mal unbedingt mit den Charakteren identifizieren können, aber ich möchte dennoch in ihnen drin sein, ich möchte sie nachvollziehen und fühlen können.

Immer wieder lesen

ScherbenparkFrüher hatte ich keinen Stapel ungelesener Bücher. Wirklich nicht. Im Nachhinein kommt es mir selbst unwirklich vor, dass ich vielleicht drei bis fünf ungelesene Bücher im Regal stehen hatte, und dass sich das irgendwann so sehr verselbstständigt hat, dass daraus Bücher im dreistelligen Bereich wurden. Was allerdings schon immer gleich war: Sobald das Ende eines Buches naht, denke ich darüber nach, welches ich als nächstes lesen soll. Mit nur wenigen oder gar keinen ungelesenen Büchern im Regal fühlte sich das manchmal gefährlich an, doch es gab immer einen Ausweg: Lies doch einfach Lieblingsbuch 1 oder Lieblingsreihe 2 noch mal. Mit Harry Potter hat das wahrscheinlich alles angefangen, aber darüber möchte ich hier gar nicht schreiben. Harry Potter immer und immer wieder zu lesen, das scheint bei vielen Leser*innen sowieso schon so sehr Alltag zu sein, dass ich es hier nur kurz betonen möchte. Drei weitere Bücher, die mich seit meinen Jugendtagen begleiten, sind die folgenden: Spieltrieb von Juli Zeh, Scherbenpark von Alina Bronsky und Kafka am Strand von Haruki Murakami.

Das Erschrecken über das Nichts hinterließ nichts — nicht mal Erschrecken.
(aus: Spieltrieb von Juli Zeh)

Wertvolle Schätze

Kafka am StrandDiese Bücher waren gleichzeitig jeweils meine ersten Bücher dieser Autor*innen und schon auf den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, wertvolle Schätze entdeckt zu haben. Ich wollte unbedingt mehr Gedanken und Geschichten dieser Personen aufsaugen. Ich hatte das dringende Bedürfnis die Geheimnisse in diesen Geschichten aufzudecken und das Buch danach noch mal von vorne aufzuschlagen, es noch mal zu lesen und ständig zu denken: Aha, guck mal, hier wird ja bereits das und das angedeutet, das hast du beim ersten Mal noch gar nicht bemerkt. Und all die schönen Gedanken, die sich die Protagonisten dieser Romane machen! Manchmal — leider viel zu selten, weil ich zu faul bin, und das ärgert mich — führe ich eine Art Zitate-Tagebuch und notiere dort die Sätze, die mich beim Lesen berührt haben. Bei Spieltrieb habe ich das sogar mehrmals getan und dann hinterher verglichen, welche Zitate ich beim letzten Mal bereits notiert habe, und welche nicht. Viele gab es dann doppelt — das sind die, die in diesem Beitrag zu lesen sind —, viele andere nicht. Und genau das gefällt mir daran meine Lieblingsbücher mehr als einmal zu lesen: Die Lesesituationen sind natürlich jeweils anders, meine Verfassung ist nicht die gleiche wie beim letzten Mal, also fallen mir beim Lesen auch ganz andere Dinge auf. Und somit empfinde ich auch die Geschichte immer anders. Alles wird tiefer.

Zwischen all den Menschen, die wie Bücher mit leeren Seiten in der Rumpelkammer ihres Gedächtnisses lagen, gab es einen, über den sie etwas zu erzählen wusste.

(aus: Spieltrieb von Juli Zeh)

Erinnerungen

SpieltriebWenn ich in eine Situation komme, in der ich überlege, was ich in einem bestimmten Monat erlebt habe, reicht es in den meisten Fällen nachzusehen, welche Bücher ich gelesen habe, und schon fällt mir ein, was da noch alles passiert ist. Bei meinen Lieblingsbüchern gibt es deshalb natürlich unglaublich viele Erinnerungen. Je öfter ich diese Bücher lese, desto mehr verbinde ich diese auch mit bestimmten Erlebnissen in meinem Leben und kann mir diese dadurch auch besser merken. Mit jedem dieser Lieblingsbücher war ich also bereits im Urlaub oder im Zug auf dem Weg zu einer lieben Person. Genau diese Erinnerungen machen diese Bücher für mich noch viel wertvoller, obwohl sie mit den Geschichten an sich natürlich recht wenig zu tun haben. Ein Buch, mit dem ich im letzten halben Jahr viele Erinnerungen gesammelt habe, ist Ready Player One von Ernest Cline. Zum ersten Mal habe ich dieses Buch im März 2015 gelesen (im Zug, auf dem Weg zu einem lieben Menschen, kurz vor meinem Geburtstag — da kommen sie schon, die Erinnerungen) und geliebt. Dennoch hat es noch etwa ein Jahr gedauert, bis ich noch mal in die Geschichte abgetaucht bin, diesmal allerdings als Hörbuch, gelesen von Wil Wheaton. Als ich meine Master Thesis geschrieben habe, hatte ich nicht viel Zeit zum Lesen und nach Feierabend konnte ich mich oft auch nicht richtig darauf einlassen. Stattdessen war ich viel unterwegs — und was gibt’s besseres, als dabei Hörbücher zu hören? Wil Wheaton hat die Abenteuer von Wade Watts/Parzival derart gut vorgelesen und mich hat die Geschichte derart mitgerissen, dass ich am selben Tag, an dem ich das Hörbuch zu Ende gehört habe, direkt noch mal von vorn begonnen habe. Als die letzten Sätze gesprochen waren, hatte ich sofort unglaubliches Heimweh nach dieser Welt. Ich wollte da nicht weg. Ich brauchte diese Welt, die so anders war als mein aktueller Alltag und die mich stressige Arbeitsphasen vergessen ließ. Und damit sind Ready Player One und Wil Wheatons Stimme wohl auf immer mit der Erinnerung an meine Master Thesis verbunden. Und das ist einfach wunderbar.

Ready Player OneWie wird ein Buch nun also zu einem Lieblingsbuch? Diese Frage wird man wohl weder allgemeingültig noch individuell beantworten können. Etwas ist da in einigen Büchern, das mich süchtig gemacht hat. Und diese Sucht stille ich, indem ich diese Bücher immer und immer wieder lese. Und danach direkt noch mal anfangen könnte.


Erwähnte Bücher:

Bronsky, Alina: Scherbenpark. 2008. Kiepenheuer & Witsch.
Cline, Ernest: Ready Player One. 2012. Arrow.
Murakami, Haruki: Kafka am Strand. Übersetzung von Ursula Gräfe. 2005. DuMont.
Zeh, Juli: Spieltrieb. 2004. Schöffling.


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Blogparade Lieblingsbuch #liebu entstanden.

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