Phantastik von Schwarzen Autorinnen: zwei Empfehlungen

Seit vielen Jahren lese ich fast täglich und der überwiegende Anteil meines Lesejahrs besteht aus Phantastik-Titeln. Ich habe nicht schon immer darauf geachtet, wer die Bücher geschrieben hat, die ich gern lese. Zwischendurch sind einige Autor*innen heraus gestochen und dann habe ich gezielt deren Werke gekauft, wie man das eben mit Lieblingsautor*innen so macht. Ansonsten habe ich Klappentexte gelesen oder mir etwas empfehlen lassen. Und so kam es, dass mein Bücherregal irgendwann aussah wie viele andere auch: Bücher von weißen, männlichen Autoren reihten sich aneinander. Das zu bemerken, hat etwas gedauert, aber vor ein paar Jahren kam die Eingebung: Cindy, achte doch mal mehr drauf, von wem du liest! Also fing ich an, meine Regale diverser zu gestalten: mehr Autorinnen, mehr queere Autor*innen, mehr Autor*innen of Color, mehr Schwarze Autor*innen. Seitdem ich gezielt darauf achte, habe ich einige wirklich tolle Romane gelesen und ich möchte euch heute zwei Werke aus der Phantastik vorstellen, die von Schwarzen Frauen geschrieben wurden. Children of Blood and Bone: Goldener Zorn von Tomi Adeyemi reiht sich in die Fantasy ein, Zerrissene Erde von N.K. Jemisin ist ein Science Fiction und Endzeit-Roman. Es freut mich, dass deutschsprachige Verlage immer mehr diverse Bücher verlegen und vieles davon auch übersetzen lassen, sodass Leser*innen hier die Chance bekommen, diese Werke zu lesen und andere Sichtweisen kennenzulernen.

Beide Bücher stehen auf den ersten beiden Plätzen der Phantastik-Bestenliste für den Monat September 2018 und diese Ehre haben sie sich verdient. „Children of Blood and Bone: Goldener Zorn“ von Tomi Adeyemi wird dem Hype, den es besonders in den USA bekommen hat, fast komplett gerecht. Es konnte mich nicht auf allen Seiten begeistern — besonders die Liebesgeschichte war sehr befremdlich für mich — , aber insgesamt ist es ein solider Auftaktband einer Trilogie für Jugendliche. „Zerrissene Erde“ von N.K. Jemisin jedoch ist ein Buch, das ich immer noch verarbeiten muss, weil es so wundervoll grandios und vielschichtig ist. Dieses Buch ist bereits jetzt mein Jahreshighlight und ich freue mich schon unendlich auf die beiden Folgebände, die hoffentlich sehr bald übersetzt werden.

Children of Blood and Bone: Rassismus und Unterdrückung

Zélie — die Hauptfigur in „Children of Blood and Bone“ — und ihr Bruder Tzain haben nach zehn Jahren immer noch genau vor Augen, wie ihre Mutter ermordet wurde, weil sie eine Maji war. Alle Maji in Orïsha fielen der Furcht und dem Aberglauben eines Königs zum Opfer, der die Magie ausrotten wollte und damit am Ende Erfolg hatte. Seitdem müssen die Divîné, die Nachfahren der Maji, in denen die Magie noch nicht erweckt wurde, wie Sklaven leben und haben kaum noch Rechte. Auch die Magie selbst scheint verschwunden zu sein, weil es niemanden mehr gibt, der sie in den jungen Divîné erwecken könnte. Als Zélie einen Fisch verkaufen möchte, um die mal wieder erhöhten Steuern bezahlen zu können, trifft sie auf eine Frau in Not, die eine Schriftrolle bei sich trägt — diese scheint von den Maji zu stammen. Die beiden Frauen müssen sich zusammentun, um flüchten zu können.

Cover von Children of Blood and Bone: Goldener Zorn

„Children of Blood and Bone“ ist eine Fantasy-Reihe für Jugendliche, die sich durch ausschließlich Schwarze Charaktere auszeichnet. Junge Schwarze Leser*innen bekommen hier endlich die Repräsentation, die ihnen in vielen anderen Büchern verwehrt bleibt, und allein deshalb ist dieses Buch wertvoll. Betroffene mögen es. Habt ihr mitbekommen, wie Schwarze Kinder auf „Black Panther“ reagiert haben? Endlich wurden auf Kinoplakaten Menschen gezeigt, mit denen sie sich identifizieren können, richtige badass superheroes auch noch. Ähnlich erleben sie es jetzt wohl mit Zélie, Tzain, Amari und Inan im Buchformat. Tomi Adeyemi beschäftigt sich in diesem Buch mit Rassismus, Colorism und systematischer Unterdrückung. Alle Charaktere sind Schwarz, Maji und Divîné haben jedoch eine dunklere Haut als die Menschen, denen von Geburt an mehr Rechte zugesprochen werden und die Divînés fast ausschließlich grauenvoll behandeln oder nicht mal als Menschen betrachten. Auch Kultur und Bräuche der Maji und Divîné werden von der Gesellschaft verschmäht und damit schlägt Adeyemi einen Bogen zum zweiten wichtigen Aspekt dieses Romans, nämlich zur Religion der Yoruba. Diese wird hauptsächlich in Nigeria und Benin praktiziert und in der fiktiven Welt von Orïsha wurde sie nahezu ausgerottet. Auf dieser Religion baut die Autorin das Magiesystem der Maji auf: Sie beten die gleichen Götter an, die hier jeweils für eine Fähigkeit stehen und die aus der Bedeutung der jeweiligen Götter — Orishas  — aus der Religion der Yoruba abgeleitet sind. So steht Orunmila zum Beispiel für Weisheit und Schicksal, und die zugehörige Göttin im Buch, Orúnmila, gibt den Maji die Macht über die Zeit: sie sehen Visionen. Ashé ist in Yoruba die Lebensenergie aller materiellen und immateriellen Dinge und Handlungen, im Buch ist es die Energie, die eine Maji bündeln muss, um ihre Fähigkeit auszuüben. [1]

Ich habe das Magiesystem beim Lesen als durchaus positiv empfunden und es hat mir Spaß gemacht. Ich muss hier allerdings darauf hinweisen, dass ein nigerianischer Leser auf Goodreads geschrieben hat, dass er besonders die Verknüpfungen zu Nigeria, der Religion der Yoruba und deren Sprache nicht gelungen findet. Dies ist eine wertvolle Information, die beim Lesen beachtet werden sollte. Das ist einer der Punkte, warum das Buch in meinen Augen nicht ganz perfekt ist; hinzu kommt die bereits kurz erwähnte Liebesgeschichte. Eine Beziehung wird hier als romantisch dargestellt, die aber durch ein Abhängigkeitsverhältnis höchst problematisch ist. Abgesehen von diesen beiden Aspekten finde ich „Children of Blood and Bone: Goldener Zorn“ empfehlenswert, vor allem dadurch, dass es Identifikationsfiguren für Schwarze Leser*innen bereithält.

Zerrissene Erde und zerbrochene Menschen

Der Junge sieht zu dir hoch, und du versuchst, nicht zusammenzuzucken. »Ich weiß es einfach, ja? Es ist etwas, was ich tun kann.« Er wendet den Blick ab. 
»Es ist etwas, das ich schon immer tun konnte.«
Du machst dir Gedanken. Aber. Nassun.
Du bist bereit, eine Menge absonderlicher, unglaubwürdiger Dinge zu glauben, wenn sie dir irgendwie helfen können, sie zu finden.

Zerrissene Erde, Seite 128, Essun

N.K. Jemisin hat einen richtig wundervollen Roman geschrieben, dessen Glanz ich gar nicht adäquat in Worte fassen kann. Er ist einfach nur geil. Jedes Kapitel, jede Figur, jede Handlung in diesem Buch ist fantastisch. Bitte lest dieses Buch, besonders wenn ihr sowieso schon Science Fiction-Fans seid. So viele neue und unglaublich kreative Aspekte habe ich in einem anderen Buch noch nicht gefunden. „Zerrissene Erde“ spielt in der Stille, einer Art dystopischen Erde, die vor vielen Jahrtausenden zerstört wurde und seitdem immer wieder zerbricht und sogenannte Fünftzeiten hervorruft. Das sind mindestens sechs Monate andauernde Winter, manchmal gehen diese allerdings erst nach einigen Jahrzehnten vorbei. Die Menschen haben sich zu Gemeinschaften, kurz Gems, zusammengeschlossen und klassifizieren alle in Nutzklassen — zum Beispiel: Führerschaft, Starkrücken oder Innovator. Die Hauptfigur Essun gehört eigentlich zu keiner dieser Nutzklassen, aber das darf nie herauskommen. Sie ist eine Orogene, auch Rogga genannt, und kann mit ihren Gedanken die Erde ertasten und damit Erdbeben beruhigen oder auslösen. Das Buch beginnt damit, dass sie ihren toten Sohn in ihrer Wohnung vorfindet; ihr Mann und ihre Tochter sind verschwunden. Die Vermutung liegt nahe, dass er herausgefunden hat, was sie und ihre Kinder sind, und dass er seinen Sohn daraufhin vor Wut erschlagen hat. Essun flieht bald darauf aus der Gem und versucht ihm zu folgen, voller Hoffnung ihre Tochter noch einmal lebend zu sehen und sich an ihrem Mann zu rächen. In weiteren Kapiteln folgen wir noch zwei weiteren Charakteren: Damaya und Syenit, die beide auch Orogenie beherrschen und im Fulcrum leben, einer Art Internat, das junge Orogene ausbildet.

… oder wenn die Felder dunklen Wäldern weichen, die so ruhig und dicht sind, dass Damaya aus Angst davor, die Bäume zu verärgern, kaum zu sprechen wagt. (In Geschichten werden die Bäume immer wütend.)

Zerrissene Erde, Seite 97, Damaya

Alle drei Protagonistinnen leiden unter ihrer Fähigkeit, weil die Gesellschaft ihnen deshalb jede Menschlichkeit abspricht. Das Fulcrum ist zwar dafür da, die Orogenen auszubilden und zu beschützen, es hat allerdings eher die Funktion die Orogenen zu Waffen auszubilden, die die restliche Gesellschaft für sich nutzen kann. Sobald eine Person aus der Reihe tanzt, wird sie getötet, weil die restliche Welt Orogene längst nicht mehr als Menschen ansieht. Jemisin schlägt hier also auch einen Bogen zu Rassismus und Unterdrückung von Menschen aufgrund ihrer rational nicht erklärbaren Fähigkeiten. Hautfarben spielen auch in dieser fiktiven Welt eine Rolle, jedoch keine so detaillierte wie bei Adeyemi. Sie werden gelegentlich erwähnt und durch bestimmte körperliche Merkmale werden Vorteile zugesichert, aber Orogene sind allein durch ihr Aussehen nicht als solche erkennbar — sobald sie im Fulcrum ausgebildet werden allerdings schon, da sie dann bestimmte Kleidung tragen müssen.

Schnell sagt sie: »Ich bin hier, um dich zu ficken, bei der rostverbrannten Erde. Genügt das, um deinen Schönheitsschlaf zu stören?«
Ein Teil von ihr ist entsetzt über ihr eigene Ausdrucksweise, ihr eigene Wut. Ein anderer Teil — der Rest — genießt es zu sehen, wie es ihm schier die rostverfluchte Sprache verschlägt.

Zerrissene Erde, Seite 81, Syenit

Jemisin hat einen einzigartigen Stil. Jede der drei Figuren hat einen eigenen, unverwechselbaren Duktus; neben des großartigen Plots ist das die herausragende Eigenschaft von „Zerrissene Erde“. Die Kapitel mit Essun sind wohl die eindringlichsten, die ich je gelesen habe. Mit einem „du“ erzählt hier eine beobachtende, aber doch allwissende Person Essun ihre eigenen Taten und Gefühle. Die Erfahrungen von Damaya und Syenit werden in der 3. Person erzählt und enthalten durchweg eine Atmosphäre, die für die beiden typisch ist und sie noch authentischer wirken lässt. Damayas Kindlichkeit und Unschuld springen aus jeder Zeile, Syenits Verbitterung frisst sich beim Lesen nahezu ins Herz. Die Zitate, die ich in diesen Abschnitt eingestreut habe, zeigen hoffentlich ein wenig, warum ich den Stil so herausragend finde. Die drei Figuren machen bis zum Ende des Buches Entwicklungen durch, die ich zu Beginn der Geschichte nicht mal erahnen konnte, und auch insgesamt ist die Handlung durchweg von überraschenden Wendungen durchzogen. Dieses Buch wegzulegen war jedes Mal eine Qual, am liebsten hätte ich es an einem Stück durchgelesen. Auch „Zerrissene Erde“ ist der erste Band einer Trilogie und ich erwarte die nächsten beiden Bücher mit größter Spannung.

Widmung aus "Zerrissene Erde": Für all jene, die um den Respekt kämpfen müssen, den alle anderen einfach so erhalten.
Die Widmung aus „Zerrissene Erde“ ist das beste Schlusswort, das dieser Artikel bekommen kann.

Diese beiden Titel sind natürlich nur eine kleine Auswahl und ich habe sie hier vorgestellt, weil ich sie in den letzten Wochen gelesen und dabei sehr gemocht habe. Vielleicht werde ich mit diesem Beitrag eine Reihe beginnen und immer mal wieder Bücher von marginalisierten Autor*innen vorstellen und own voices empfehlen.

Bücher und Quellen

Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone — Goldener Zorn, Fischer FJB, Juni 2018, 624 Seiten. Übersetzt von Andrea Fischer.

N.K. Jemisin: Zerrissene Erde, Knaur, August 2018, 494 Seiten. Übersetzt von Susanne Gerold.

[1] Die Informationen zur Religion habe ich diesen Wikipedia-Artikeln entnommen: Religion der Yoruba & Orisha.

2 Antworten auf “Phantastik von Schwarzen Autorinnen: zwei Empfehlungen”

  1. Tolle Rezension! Children of Blood &Bone habe ich schon selber gehört, aber jetzt habe ich auch richtige Lust auf zerrissene Erde. Binti vin inr hatte nette Ideen, war mir aber ein bisschen zu simpel an manchen Stellen. Bin gespannt, wie ihr erwachsener Roman ist.

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    1. Hi Nils, „Binti“ ist von Nnedi Okorafor, nicht von N.K. Jemisin. Aber auf die Bücher von Okorafor bin ich auch sehr gespannt. Ich hoffe, dir wird „Zerrissene Erde“ genauso gut gefallen wie mir!

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