Schicksal, Vorhersehung und tote Helden in der Phantastik

Tote Helden Kapitel 1

Es geht los: Das erste Kapitel in Tote Helden von Michael Peinkofer.

Darunter kam ein lederner Beutel zum Vorschein, den er wie einen Schatz an sich presste. Er öffnete den Knebel und zog eine Leier hervor.
»Was soll ich damit?« Der Wirt schüttelte das bullige Haupt, seine Backen hatten längst zu glänzen aufgehört. »Das alte Ding ist keinen Schluck Bier wert!«
»Da irrt Ihr Euch«, versicherte der Fremde, »aber ich hatte auch nicht vor, es einzutauschen. Mein Name ist Rayan, und ich bin Sänger. Als Gegenleistung für eine warme Mahlzeit werde ich Euch und Euren Gästen etwas vorsingen und Euch unterhalten.« (S. 18)

Rayan ist einer der Protagonisten im Auftaktband zu den Legenden von Astray, Tote Helden, von Michael Peinkofer. Er ist ein Sänger, der momentan nicht einfach nur durch die Gegend reist, sondern auf der Suche nach Informationen ist. Wenn er dabei in Wirtshäusern singen und spielen kann, dafür nicht nur Nahrung bekommt, sondern vielleicht auch noch einige Gesprächsfetzen mit anhören kann, ist das natürlich sehr praktisch. Es läuft allerdings nicht immer alles nach Plan und gleich zu Beginn der Geschichte bemerken wir auch, wie das dann aussieht. Die Gäste des Wirtshauses haben sich ein Lied über Seejungfrauen gewünscht, mittendrin muss Rayan allerdings unterbrechen:

Erst jetzt bemerkte Rayan, dass er verstummt war.
Sein Leierspiel hatte ausgesetzt, die Worte waren ihm nicht über die Lippen gekommen – denn das Bild, das er vor Augen gehabt hatte, jener Eindruck flüchtiger Schönheit inmitten von Sturm und Gefahr, war plötzlich einer anderen Erscheinung gewichen, die sich mit Macht in den Vordergrund drängte.
Und die sehr viel dunkler war … (S. 22-23)

Bilder vor dem inneren Auge

Cover Tote HeldenGenau diese Bilder schleichen sich dann in seinen Gesang ein und er prophezeit damit einen Überfall auf ein Dorf an der Küste. Den Menschen im Wirtshaus hat er allerdings erst mal so richtig die gute Stimmung verdorben; von seiner ernsten und echten Vision können sie ja nichts ahnen.

Schauen wir uns doch erst mal an, was Visionen und Prophezeiungen überhaupt sind. Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache verrät: Vision kann übersetzt werden mit ‘Erscheinung, Trugbild’ und bezeichnet zunächst, also Anfang des 14. Jahrhunderts, eine übernatürliche Erscheinung, ähnlich einer religiösen Erleuchtung. Später, im 16. Jahrhundert, weist es auf eine Erscheinung, Vorstellung oder Ahnung ohne religiösen Einfluss hin und heute bezeichnet man damit eher eine Sinnestäuschung. Da wir bei Rayan bereits zu Beginn erkennen können, dass es sich bei ihm um tatsächlich echte Bilder handelt, können wir letztere Auslegung schon mal ignorieren. Ob es jedoch religiöse Einflüsse gibt, wissen wir an dieser Stelle noch nicht. Die Bücherkrähe hat allerdings gestern bereits etwas zu Religion in der Phantastik und in Tote Helden erzählt und in ihrem Artikel auch Visionen behandelt. Nun noch zu Prophezeiungen, auch aus dem DWDS: Ein Prophet ist ein ‘Verkünder und Deuter des göttlichen Willens’ und auch ein ‘Verkünder der Zukunft’, das griechische prophḗtēs (προφήτης) lässt sich unter anderem übersetzen mit ‘Sänger’. Und hier sind wir wieder bei Rayan.

Prophezeiungen bestimmen die Geschichte

Vorhersehungen, Schicksal, Wahrsagungen. Viele Geschichten in der Phantastik arbeiten mit diesen Konzepten. Bei Harry Potter werden Prophezeiungen im Zaubereiministerium gelagert, Dalinar Kholin aus den Sturmlicht Chroniken von Brandon Sanderson bekommt Visionen, wenn die großen Stürme über das Land ziehen, und auch in den Geschichten um Percy Jackson von Rick Riordan bilden Weissagungen, am besten mit extrem kurz gesetzter Deadline, den Rahmen aller Bücher. Eine ähnliche Möglichkeit findet sich in Geschichten über eine auserwählte Person oder Gruppe, die chosen ones. Die Vampirjägerin Buffy ist zum Beispiel eine solche Frau, die als einzige auf der ganzen Welt gegen Vampire und Dämonen kämpfen und damit alle retten kann.

Was macht denn nun die Faszination solcher Visionen und Prophezeiungen in der Phantastik aus? Ändert es denn überhaupt etwas die Zukunft zu kennen? Sind die Leser*innen denn nicht schnell gelangweilt, wenn zu Beginn einer Geschichte etwas vorhergesagt wird und die Figuren dann händeringend versuchen etwas zu verändern, dem sie nicht entkommen können? Offenbar nicht, wenn nämlich die Visionen geschickt geschrieben werden. George R. R. Martin hat in einem Interview folgendes dazu gesagt:

„Prophecies are, you know, a double-edged sword. You have to handle them very carefully; I mean, they can add depth and interest to a book, but you don’t want to be too literal or too easy… […] That’s the way prophecies come true in unexpected ways. The more you try to avoid them, the more you are making them true, and I make a little fun with that.“

Prophezeiungen sind ein zweischneidiges Schwert, das vorsichtig behandelt werden muss. Sie dürfen nicht zu einfach sein oder zu wörtlich übersetzt werden können, sonst wird es der Geschichte an Tiefe fehlen. Martin selbst spielt gern mit ihnen, indem er sie auf unerwartete Weise wahr werden lässt. So ähnlich hat es das Orakel von Delphi auch bereits vorgemacht: Weissagungen sind eine Interpretationssache, besonders dann, wenn sie so kryptisch wie möglich vorgetragen werden. Mir macht es in den meisten Fällen sehr viel Spaß, die Charaktere dabei zu begleiten, wie sie immer mehr über ihre Visionen erfahren, wie sie diese selbst interpretieren und wie ich auch selbst die Prophezeiungen auslegen würde. So hat mich Rayan aus Tote Helden auf seine ganz eigene, spannende Weise durch die Geschichte begleitet. Im ersten Kapitel fing es an mit einem locker-leichten Lied über Seejungfrauen, das plötzlich düster und brutal wurde. Und bitterernst für all diejenigen, die ihr eigenes Dorf, das überfallen werden soll, in Rayans Lied wiedererkennen könnten. Ob es nun eine Stimmung ist, die von heiter auf betrübt oder gar aggressiv umschlägt, oder eine ernsthafte Warnung: Worte haben Macht. Ob sie nun Visionen sind, als solche erkannt werden oder nicht. Sobald die Worte da sind, kann die Idee nicht mehr verschwinden. Und mit einer Idee, mit lauter Befürchtungen und Ängsten, macht sich Rayan auf eine Reise durch Astray, auf ins Fremde und Ungewisse, über das ihr bei Schreibtrieb lesen könnt.

Karte Tote Helden

Ein Teil der Karte von Astray.


Gewinnspiel

Nach diesem ernsten Ton endet aber auch dieser Beitrag, den ich im Rahmen der Blogtour zum Roman Tote Helden von Michael Peinkofer geschrieben habe, mit einem tollen Gewinnspiel. Ich verlose ein signiertes Exemplar des Taschenbuchs von Tote Helden unter allen Teilnehmer*innen, die unter diesem Beitrag kommentieren (oder mir eine E-Mail schicken). Empfehle mir doch gern ein Buch, in dem Schicksal, Prophezeiungen oder Visionen eine Rolle spielen, falls dir eines einfällt.

Teilnahmebedingungen anzeigen
  • Die Teilnahme am Gewinnspiel ist ab 18 Jahren und mit einem Wohnsitz in Deutschland möglich.
  • Eine Teilnahme ist während der gesamten Blogtour auf allen Blogs möglich, doppelte Gewinne sind allerdings nicht möglich.
  • Mit der Teilnahme erklärst du dich damit einverstanden, dass deine Adresse im Gewinnfall an den Verlag übersendet wird, damit dieser dir dein Buch zuschicken kann. (Deine Post- und E-Mail-Adresse werden dabei ausschließlich für dieses Gewinnspiel genutzt.)
  • Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Michael Peinkofer: Tote Helden. Piper. 2017. 528 Seiten, 16,99€.

6 Kommentare

  • aleshanee75

    Guten Morgen!

    Kennst du schon unsere Gruppe für Blogtouren auf Facebook? Vielleicht magst du ja mal vorbeischauen? :)
    Wir halten da alles aktuell und verlinken die Beiträge, damit man immer alles im Blick hat und nichts verpasst – bei den vielen Touren verliert man ja leicht den Überblick ;)
    https://www.facebook.com/groups/981737925190683/

    Liebste Grüße, Aleshanee

  • jenny siebentaler

    Da kann ich die die Reihe „Nadja“ von Steffi Krumbiegel (Seitz) und der Anfang einer Reihe von M.G. Stonenger namens:“Marc und Aura: Das Vermächtnis der Magier (Trilogie über die Atlanten von Wheed) “ die mich total umgehauen hat und ich so ungeduldig auf den zweiten Band warte, empfehlen! :-)

    VLG Jenny

  • Jutta

    Hallo,
    mir fällt da als Erstes Harry Potter ein, in der Reihe spielen Prophezeiungen, vor allem die, die Harry betrifft, ja eine ganz große Rolle.
    Die Karte in dem Buch sieht ja toll aus. Ein super Beitrag.

    Liebe Grüße, Jutta

  • karin

    Hallo und guten Tag,

    ich empfehle gerne von der Autorin Stefanie Simon ihren Roman „Feuer der Götter“ …es geht um Bestimmung, Schicksal und um Götter, die eine extrem große Rolle spielen .

    LG..Karin..

  • Tiffi2000

    Hallo,

    mir sind da gleich die Göttlich-Bücher eingefallen, die ich ganz gut fand ;)

    LG

  • Katja

    Hallo und vielen Dank für diesen schönen Beitrag zur Blogtour! Zum Thema Prophezeiungen, Schicksal oder Visionen empfehle ich Dir den Auftakt zur Reihe „Die Winterchroniken von Heratia – Der Verfluchte“ von Cairiel Ari, ein sehr spannender Auftakt zu einem fantastischen Abenteuer rund um das Schicksal einer jungen Studentin der Hohen Schule und einen Winterelfen, der einige Geheimnisse verbirgt, und die Vorhersage über einen Verfluchten Gott, der die Welt in Abgrund zu reißen droht.

    Liebe Grüße
    Katja

Kommentar verfassen