Seenotrettung und Suppen für Syrien

Ende März 2017 erschien die deutsche Ausgabe des Kochbuchs „Suppen für Syrien“ von Barbara Abdeni Massaad, mit einem Vorwort von Rafik Schami, im DuMont Verlag. Doch es ist mit den 80 Rezepten aus aller Welt nicht nur ein reines Kochbuch, sondern hilft direkt Menschen in einem Flüchtlingscamp in Beirut, Libanon. Die Gewinne aus dem Verkauf des Kochbuches gehen zu 100% an Schams e.V. und helfen dort geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Elif hat bereits ausführlich über die Organisation berichtet. Zusätzlich hat Mareike über einen Teil der Fluchtursachen geschrieben: Den Bürgerkrieg in Syrien. Ich möchte mich heute einem Thema widmen, das für die Flüchtenden wichtig ist, die nicht in einem Camp unterkommen konnten, das für sie sorgen kann und in dem sie (so) sicher (wie möglich) sind. Solche Menschen also, die zum Beispiel den Weg über das Mittelmeer nach Europa wagen müssen.

Früher

1819 stellte der französische Künstler Théodore Géricault sein Gemälde „Das Floß der Medusa“ fertig, das heute im Louvre hängt. Es zeigt eine Szene, die sich einige Jahre zuvor ereignet hatte: Die Fregatte „Méduse“ lief auf Grund, konnte sich nicht mehr befreien und hatte für die Rettung der 400 Menschen nur sechs Boote zur Verfügung. Aus Masten und weiteren Teilen der „Méduse“ wurde also ein Floß gebaut, das die restlichen rund 150 Menschen aufnehmen musste. Natürlich war es nicht seetüchtig und am Ende überlebten nur 10 Menschen. Forderungen nach menschenwürdiger Seenotrettung wurden daraufhin seitens europäischer Gesellschaften laut. Géricault schuf dieses Gemälde als Erinnerung an diesen grauenvollen Vorfall [1].

Das Floß der Medusa, Théodore Géricault

Das Floß der Medusa, Théodore Géricault, Öl auf Leinwand

Jetzt

Und heute? Ende 2015 erschien ein sehr ähnliches Bild in der Nähe des Jungle Refugee Camps in Calais, der Künstler Banksy hat es dort nach einem Besuch hinterlassen. Mittlerweile wurde das Graffito allerdings bereits überstrichen, mit der Begründung, dass es nicht ständig beschützt werden könne und beschmiert wurde [2]. Schade, das Thema ist nämlich noch lange nicht vorbei, denn heute scheinen wir wieder einen riesigen Rückschritt gemacht zu haben. Das Engagement von Seenotrettungsorganisationen wird durch europäische Innenminister kritisiert, ihnen wird Beihilfe zur Schlepperei und zur illegalen Migration vorgeworfen und sie sollen mit einem Verhaltenskodex in ihrer Arbeit eingeschränkt werden. Aber von vorn: Verschiedene NGOs (Non-governmental organization, oder: Nichtregierungsorganisation) haben es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtende im Mittelmeer von seeuntüchtigen Booten vor dem Ertrinken zu retten, sie zu versorgen, zu verarzten und schlussendlich nach Europa zu bringen. Beispiele für diese NGOs sind:

Verhaltenskodex für NGOs…

Warum ist diese bedingungslose Rettung so dringend nötig? Die Boote, die beispielsweise in Libyen starten, sind oft bereits dort schon nicht mehr seetüchtig, weil sie überfüllt sind und nicht genügend Treibstoff mit sich führen, um eine Küste in Europa zu erreichen [3]. Schleuser scheinen darauf zu spekulieren, dass NGOs diese Boote rechtzeitig erreichen und die Flüchtenden retten. Oder es ist ihnen schlicht egal, denn das Geld der Menschen auf den Booten haben sie ja bereits bekommen. Diese Motivation der Schleuser ist nun allerdings unter anderem eines der Argumente für die Einführung eines Verhaltenskodex für Seenotrettungsorganisationen. Insbesondere italienische Behörden sollen diesen Kodex durchsetzen, der die NGOs zu folgenden Regeln verpflichten würde:

  • Libysche Gewässer dürfen nicht mehr angefahren werden,
  • gerettete Personen sollen sofort in einen sicheren Hafen gebracht werden statt auf andere Boote
  • und auf den Rettungsschiffen soll für eine Ermittlung gegen Schleuser bewaffnete Polizei anwesend sein [3].

Dies bedeutet, dass nach jeder einzelnen Rettung im Mittelmeer die entsprechenden Personen in einen Hafen (zurück)gebracht werden müssen, auch wenn auf dem Schiff noch Kapazitäten wären. Die Schiffe könnten mehrere hunderte Menschen aufnehmen, nach dem neuen Kodex jedoch könnte diese Anzahl nicht mehr aufgenommen werden. Stattdessen müssten sie viel häufiger Häfen anlaufen und somit wären weniger Schiffe in der Such- und Rettungszone präsent, was dazu führen würde, dass wieder mehr Menschen Gefahr laufen zu ertrinken und dies im schlimmsten Fall sogar tun [4]. Schleuser, die diese Boote ursprünglich losgeschickt haben, mögen vielleicht aus Geldgier auf das Engagement der NGOs spekulieren, sodass sie die Boote von Beginn an nicht ausreichend ausstatten, diese Motivation ist allerdings sowohl für die rechtliche als auch die moralisch-ethische, humanitäre Seenotrettung irrelevant. Wird dieser Kodex von einer Organisation unterschrieben, so heißt das im Umkehrschluss nicht automatisch, dass Schleuser menschenwürdiger und fairer handeln, sondern schlicht, dass wieder mehr Menschen im Mittelmeer sterben. Die Seenotrettung ist allerdings nicht nur aus humanitärer Sicht eine Pflicht, sondern – und hier kommen wir wieder zu den Forderungen aufgrund des Floßes der Medusa zurück – nach Artikel 98 des UN-Seerechtsübereinkommen eine völkerrechtliche Verpflichtung.

Doch auch hier sind wir noch nicht am Ende, denn da gibt es noch die Sache mit dem „sicheren Hafen“. Oft wird gefordert, Flüchtende wieder dorthin zurückzubringen, von wo aus sie ins Mittelmeer aufgebrochen sind. Das ist in vielen Fällen Libyen, in dem seit 2014 Bürgerkrieg herrscht. Das Non-refoulement-Prinzip besagt, dass Menschen nur in Gebiete geschickt werden dürfen, in denen sie keine weiteren Gefahren zu erwarten haben. Und das soll auf ein Land, das gerade unter einem Bürgerkrieg leidet, zutreffen?

…und die Folgen

Tatsächlich werden trotz dieser Gegenargumente die NGOs und ihre entsprechenden Schiffe und Hilfskräfte derart unter Druck gesetzt, dass sie ihrer Arbeit nicht oder nicht in einem angemessenen Maß nachgehen können. In diesem Zusammenhang muss ich hier zum Abschluss noch ein paar traurige Fakten erzählen:

  • Das Schiff Prudence von Ärzte ohne Grenzen ist momentan nicht im Einsatz, nachdem libysche Behörden den Zugang zu ihren Küsten für Hilfsorganisationen eingeschränkt haben. Die Hilfskräfte unterstützen jetzt stattdessen SOS Méditerranée auf deren Schiff Aquarius [5].
  • Die Freigabe des Schiffes Iuventa von Jugend rettet wurde am 22.09. abgelehnt, sodass es weiter beschlagnahmt ist und vorerst keine weiteren Flüchtenden retten kann [6].
  • Sea-Watch ist mit dem Schiff Sea-Watch 1 und dem Aufklärungsflugzeug #Moonbird noch im Einsatz und sie erläutern in einem aktuellen Artikel die Dringlichkeit der Lage:

Die Abschottungspolitik der EU ändert nichts an den Fluchtgründen, sie ändert lediglich die Fluchtrouten und macht sie für Menschen in Not noch gefährlicher. Deshalb werden wir weiter im Einsatz bleiben, zu Wasser und in der Luft, deshalb sind wir nun auch in der Ägäis wieder aktiv und deshalb rüsten wir gerade die Sea-Watch 3 aus, um ein weiteres Rettungsschiff in den Einsatz zu bringen. [7]

Es tut mir weh, dass ich diesen Artikel nicht mit einem positiveren Fazit beenden kann, aber ich möchte die Fakten schlicht nicht beschönigen oder relativieren. Es gibt bewundernswerte Menschen, die dabei helfen andere Menschen zu retten, gleichzeitig gibt es allerdings menschenverachtende Haltungen, die genau das verhindern und aus Europa eine Festung bauen wollen.

Suppen für Syrien von Barbara Abdeni Massaad, mit einem Vorwort von Rafik Schami

Suppen für Syrien von Barbara Abdeni Massaad, mit einem Vorwort von Rafik Schami

Was können wir jetzt alle tun? Redet darüber. Ignoriert und verschweigt es nicht, nur weil dies alles nicht an unseren Grenzen passiert und „weit genug weg“ ist. Engagiert euch. Spendet, wenn ihr Kapazitäten habt; die Seenotrettungsorganisationen sind in diesem Beitrag verlinkt. Auch mit dem Kauf von „Suppen für Syrien“ werden Menschen dabei unterstützt wieder in einen lebenswürdigen Alltag zurückzufinden. Eva-Maria schreibt darüber, warum wir alle politisch sind und was wir tun können. Denkt immer daran: Ihr habt nicht „nur“ einen (Bücher-)Blog, ihr habt eine Stimme und ihr habt eine Plattform. Beides könnt ihr nutzen, um für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

Mit unserer Blogtour, in deren Rahmen dieser Artikel entstanden ist, stellen wir euch zunächst dieses eine, bewundernswerte Projekt vor und erzählen euch von den Hintergründen. Hier noch einmal die Artikel und Blogs im Überblick:

Suppen für Syrien: Blogtour

Offenlegung: Dieser Artikel entstand bereits vor der Bundestagswahl 2017. Auch vor der Wahl waren die Bedingungen für betroffene Menschen alles andere als gerecht. Darum halte ich es für umso wichtiger, dass wir Tatsachen nicht mehr relativieren, sondern uns solidarisch zu den Menschen stellen, die benachteiligt und gefährdet werden. Ruht euch bitte nicht auf den 87% aus, die nicht die rechtsextreme Partei gewählt haben, denn darunter sind nicht ausschließlich herzensgute Menschen. Rassismus und rechtskonservative Haltungen sind kein isoliertes Phänomen einer einzelnen Partei, sondern unserer Gesellschaft. Was wird nun passieren, da noch mehr menschenverachtende Personen Entscheidungen tragen dürfen?


Quellen:

[1] Louvre: http://www.louvre.fr/en/oeuvre-notices/raft-medusa
[2] Telegraph: http://www.telegraph.co.uk/news/2017/09/11/banksy-mural-calais-painted-walls-owner-found-shabby/
[3] Jungle World: https://jungle.world/artikel/2017/33/seenotrettung-als-deja-vu
[4] Ärzte ohne Grenzen: https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/seenotrettung-verhaltenskodex-hilfsorganisationen
[5] Ärzte ohne Grenzen: https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/fluechtlinge-rettung-mittelmeer-faq
[6] Jugend rettet: https://jugendrettet.org/f/files/Pressemitteilung_170922.pdf
[7] Sea-Watch: https://sea-watch.org/sea-watch-im-dauereinsatz-die-krise-auf-dem-mittelmeer-ist-nicht-beendet/

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