Girl on the Train von Paula Hawkins

Cover The Girl on the Train

Rachel, die jeden Tag dieselben beiden Züge nimmt, um in die Stadt und wieder zurück zu fahren, hat momentan ein trauriges Leben. Sie leidet immer noch unter der bösen Trennung von ihrem Mann und hat dazu noch ein ziemlich schwerwiegendes Problem: Sie trinkt. Jeden Tag. Und denkt an nichts anderes. Der einzige Lichtblick ist das junge Paar auf dem Balkon in dem Haus neben den Schienen, das sie auf ihrer täglichen Reise betrachten kann. In ihrem Kopf sind sie das perfekte Paar, doch eines Tages werden selbst ihre Wunschgedanken tief erschüttert, als sie plötzlich etwas sieht, das sie nie erwartet hätte. Jetzt kann sie sich nur noch einmischen…

Diese Geschichte ist ein einziges Verwirrspiel. Wir erfahren als Leser die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln, dazu verschieben sich auch immer wieder die Zeitebenen. Mal erfahren wir etwas aus der Vergangenheit, das die Gegenwart durchaus erklären könnte. Dann kommt in der heutigen Zeit etwas ans Licht, das die vergangenen Erlebnisse wieder mal verwirrend und fragwürdig macht. Die Autorin Paula Hawkins hat es hier wirklich geschafft, mich als Leser bis zu einen gewissen Zeitpunkt komplett an der Nase herumzuführen.

There’s something comforting about the sight of strangers safe at home.

Cover The Girl on the Train, amerikanische Ausgabe

Cover der amerikanischen Ausgabe

Rachel ist dabei ein ziemlich faszinierender Charakter, mit der ich oft ziemliches Mitleid hatte, mich aber auch gleichzeitig vor ihr geekelt habe. Ihr Alkoholproblem ist wirklich sehr präsent, es beeinflusst ihr ganzes Leben und damit natürlich auch die Kapitel, die aus ihrem Blickwinkel geschrieben sind. Immer wieder erleben wir die Nachwirkungen ihrer Abstürze und wie sie einfach nichts dagegen machen kann. Und das ist auch das Spannendste an Rachels Perspektive: Die meisten Abstürze enden nämlich in einem ausgewachsenen Blackout und man muss mit ihr zusammen rätseln, was passiert sein könnte. Oder ob es wirklich so passiert ist, wie Rachel sich zu erinnern meint, ob sie sich gar selbst etwas vormacht. Das macht Rachel zu einer typischen unzuverlässigen Erzählerin, was für mich den größten Teil der Spannung ausgemacht hat.

Hollowness: that I understand. I’m starting to believe that there isn’t anything you can do to fix it. That’s what I’ve taken from the therapy sessions: the holes in your life are permanent. You have to grow around them, like tree roots around concrete; you mold yourself through the gaps.

Nach und nach entwickelt sich die Geschichte in eine ziemlich komplexe und sehr ernste Richtung. Rachels Blickwinkel ist dabei nicht die einzige, die anderen Personen (die man meiner Meinung nach erst beim Lesen entdecken sollte) tragen ziemlich zur Verwirrung bei, sind ebenso interessant, dabei teilweise aber leider klischeehaft. Auch der Showdown kam mir eher so vor, als hätte ich ihn schon in vielen anderen Geschichten erlebt, aber der Weg dahin war immerhin unglaublich packend und dramatisch.

Ein toller Roman mit komplexen und ernsten Themen, die auf eine ganz besondere Weise aufgearbeitet werden. Paula Hawkins schafft es erfolgreich, den Leser an der Nase herumzuführen und dabei faszinierende Charaktere zu erschaffen.


Über die Autorin:

Paula Hawkins wuchs in Simbabwe auf. 1989 zog sie nach London, wo sie bis heute lebt. Sie arbeitete fünfzehn Jahre lang als Journalistin, bevor sie mit dem Schreiben von Romanen begann. Ihr erster Spannungsroman »Girl on the Train« eroberte in England und den USA auf Anhieb die Spitze der Bestsellerlisten, und noch vor Erscheinen sicherte sich DreamWorks die Filmrechte.
(Source: Blanvalet)


Paula Hawkins: The Girl on the Train. Riverhead Books. 2015. 336 Seiten, ca. 9 – 18€ je nach Ausgabe.

Deutschsprachige Ausgabe: Paula Hawkins: Girl on the Train. Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich. Übersetzt von Christoph Göhler. Blanvalet. 2015. 448 Seiten, 12,99€ (Klappenbroschur).


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Bookaholic: till the End of Times erschienen.

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