Tote Helden von Michael Peinkofer

Vor einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, mehr Phantastik aus dem deutschsprachigen Raum zu lesen, und hatte das Gefühl, dass es mit Micheal Peinkofer noch einen Autor gibt, mit dem ich eine Lücke schließen sollte. Tote Helden war also mein erstes Buch von ihm und ich habe nun erst recht das Gefühl, dass Peinkofer in jedes gut sortierte Phantastik-Regal gehört. Dieses Buch ist der Auftakt zu einer neuen Reihe um die Legenden von Astray. Der erste Band begleitet zu großen Teilen die Wege zweier Protagonisten, deren Zusammenhang zunächst unklar bleibt. Der fahrende Sänger Rayan scheint auf der Flucht und gleichzeitig auf der Suche nach etwas zu sein, der Zwerg Lorymar Thinkling ist der persönliche Hofnarr des Königs Astyragis pan Tyras.

Cover Tote Helden

Die toten Helden dürfen die ersten Sonnenstrahlen genießen

Den Sänger Rayan lernen wir kennen, als er gerade in einem Lokal die Gäste mit einem fröhlichen Lied unterhalten möchte. Es fängt auch wunderbar locker und leicht an, doch dann scheint etwas zu passieren, das die Stimmung umschwingen lässt. Da sind Worte und Bilder in ihm und er kann nicht verhindern, dass sie in sein Lied einfließen. Schreckliche Bilder, die garantiert niemand erleben möchte. Rayan bekommt regelmäßig Visionen, die sich in seinem Gesang manifestieren und so durchaus schon einigen Leuten das Leben gerettet haben. Es sind vor allem die Visionen über eine große Gefahr, die ihm Angst machen, weshalb er auf der Reise ist und versucht herauszufinden, was genau es damit auf sich hat. Diese Fähigkeit ist übrigens nicht nur für Rayan selbst Furcht einflößend, sondern für die gesamte Bevölkerung. Aufgrund eines Ereignisses in der Vergangenheit, über das wir im Verlauf der Geschichte immer mehr aufgeklärt werden, ist Magie verboten — ja, wird sogar für nicht existent erklärt und mit dem Tode bestraft (ja, das ist ein Widerspruch, und nein, das scheint diejenigen, die das Sagen haben, nicht zu stören).

Lorymar Thinkling lebt zwar schon seit drei Jahrzehnten am Hof des Königs von Altashar, ist aber aufgrund seiner Größe und seines Daseins als Narr ein ewig Fremder. Er kann sagen, was er möchte, ohne dafür bestraft zu werden, gleichzeitig allerdings auch: ohne ernst genommen zu werden. Das bringt die Anstellung als Narr so mit sich. Lorymar schien am Hof, zwischen all der Politik und Religion, die einzige Person zu sein, die sich traut die Wahrheit auszusprechen. Erfrischend und beängstigend zugleich. Dennoch ist er alles andere als frei und kann den Hof nicht verlassen. Als Prinzessin Nyasha aus politischen Gründen verheiratet werden soll, scheint es praktisch zu sein, dass er sie begleiten kann.

Karte Tote Helden

Wunderschöne und detaillierte Karte (und die schöne Handschrift von Peinkofer, hihi)

Michael Peinkofer hat mit Astray eine Welt geschaffen, in der Fantasy-Leser*innen bekannte Eigenschaften wiederfinden werden und die hier im ersten Band dennoch viele neue Ideen und Konzepte verwirklicht. Ein Ereignis in der Vergangenheit sollte scheinbar einen Neuanfang bieten, ist aber offenbar noch nicht ganz abgeschlossen. Die Politik erscheint stabil, ist aber doch ziemlich wackelig und muss sensibel verhandelt werden, damit es nicht zum Krieg kommt. In den Städten gibt es eine breite Schere zwischen den Reichen und den ganz Armen, die sich nur mit Hilfe von Diebesgilden über Wasser halten können. Die Legenden von Astray setzen hier an einer Stelle an, an der andere Fantasygeschichten aufhören: Den großen Krieg haben die Helden und Heldinnen schon für sich entschieden. Doch was passiert nun mit ihnen, da sie keine Aufgabe mehr haben? Durch die beiden Erzählstränge und einigen weiteren Stimmen, die wir etwas seltener hören, hatte Tote Helden eine tolle und spannende Dynamik. Es hat etwas gedauert, bis mir dämmerte, wie die Zusammenhänge zwischen den Protagonisten sein könnten und worauf das vorläufige Finale hinausläuft. Insgesamt hätte die Geschichte schon etwas früher an Fahrt gewinnen können, sodass auch das Finale und der Konflikt selbst mehr Raum hätten bekommen können. So gab es am Ende eher Schlag auf Schlag Ereignisse und Enthüllungen, ohne Pausen zum Durchatmen, Nachdenken oder Verdauen. Was aber natürlich auch eine gewisse Spannung mit sich brachte. Tote Helden ist ein vielversprechender Einstieg in die Welt und die Legenden von Astray, die die Erwartung weckt, dass alles noch viel größer, komplexer und vielfältiger wird, als es ohnehin schon ist.


Reiheninformation:

Die Legenden von Astray

#1: Tote Helden


Weitere Besprechungen:

    • Hysterika: „TOTE HELDEN ist dabei nicht so humorvoll wie besagte Werke über die Orks – dennoch kann man sich dem Inhalt von Seite zu Seite nur noch schlecht entziehen“

Michael Peinkofer: Tote Helden. Piper. 2017. 528 Seiten, 16,99€.


Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an Piper.

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