Unruh: Das Ticken des Uhrwerks von Mia Faber

Unruh: Das Ticken des Uhrwerks ist ein Buch, das mich mit seiner einzigartigen Atmosphäre 600 Seiten lang komplett mitgezogen hat. In einer Welt, in der vor ungefähr 160 Jahren etwas passiert ist, an das sich niemand mehr erinnern kann, begleiten wir die junge Saya zu einem Ereignis, das alle sieben Jahre stattfindet: Die Meisterhüter treffen sich an einem Wegstein, um dort drin Wissen aus dem Davor zu sammeln und den Menschen bringen zu können. Saya ist mit einem Mal auf der Stirn in Form eines Zahnrades geboren und wurde nun von ihren Eltern zum großen Treffen geschickt, um ihren Lehrer zu treffen. Das Mal verleiht nicht nur magische Fähigkeiten, die geübt werden müssen, sondern lässt die Träger*innen auch das Ticken des Uhrwerks hören, das alles zu bestimmen scheint. Hüter, so werden die Menschen mit dem Mal genannt, sind in großen Teilen der Welt hoch angesehen, doch in einigen Gebieten hat sich der Aberglaube gefestigt, dass Kinder mit dem Mal einen Fluch mitbringen. Als Saya, die arm, aber behütet aufgewachsen ist, sich auf den Weg macht, um ihren Lehrer zum ersten Mal zu treffen, ahnt sie noch gar nichts von der Welt außerhalb ihres Dorfes — und muss schließlich härter als gedacht an ihren Fähigkeiten arbeiten.

Mia Faber hat in Unruh eine faszinierende Welt geschaffen, die eine einzigartige und eigenwillige Stimmung verströmt. Erst seit knapp 160 Jahren wurden hier Wissen und Fähigkeiten angesammelt, in einer Welt, die offensichtlich schon weitaus länger existiert, an die aber alle Erinnerungen fehlen. Einzig in den Wegsteinen, die sich alle sieben Jahre öffnen, befinden sich alte Aufzeichnungen, die die Meisterhüter durchsuchen, um praktisches Wissen an die Oberfläche zu bringen. Zu genau so einem Zeitpunkt kommt Saya an, vollkommen unwissend, aber durch das Mal auf der Stirn von allen respektiert — außer von ihrer Mitschülerin. Doch um solche Konkurrenzkämpfe können sich die beiden bald keine Sorgen mehr machen, als das große Treffen und die Feier drumherum angegriffen werden. Ein weiterer Erzählstrang handelt nämlich von Hütern, denen das Schicksal nicht so gut mitgespielt hat und deren Mal wegen des Aberglaubens vom Kopf gebrannt wurde. Auch die Kontrolle, die die Meisterhüter über das alte Wissen haben, wird nicht von der gesamten Bevölkerung akzeptiert. So entspinnt sich schnell ein Kampf, der tiefer geht, als die meisten — am wenigsten Saya — ahnen konnten.

Die Geschichte wird uns durch verschiedene Sichtweisen näher gebracht. Zuerst ist da natürlich Saya, die sich von einer unschuldigen und ruhigen, aber wissensdurstigen jungen Frau zu einer mutigen und zähen Hüterschülerin entwickelt, die dabei mehr durchmacht, als die kurze Handlungszeit erwarten lässt. Coro, auch ein Junge mit einem zahnradförmigen Mal auf der Stirn, kommt aus einem der Dörfer, die nicht so gut mit angehenden Hütern umspringen. Im Gegensatz zu Saya wird er nicht zur großen Versammlung geschickt, sondern vielmehr aus seinem Haus gezerrt, damit ihm das Mal von der Stirn gebrannt werden kann. Er versteht natürlich weder, was das Mal zu bedeuten hat, noch warum er deshalb so schrecklich behandelt wird, trifft aber bald auf andere, die ein ähnliches Schicksal erleiden mussten. Auf beiden Seiten können wir verschiedenste Gedanken und Personen verfolgen, auf die ich hier im Einzelnen gar nicht eingehen möchte. Es sei nur geschrieben, dass durch die Fülle an Figuren und ihren so verschiedenen Eigenschaften eine dichte Geschichte entsteht, die damit vor dem inneren Auge so richtig aufblühen kann. Mia Faber versteht es perfekt, genau mit diesen Sichtweisen zahlreiche (sich widersprechende) Hinweise einzustreuen, sodass sich beim Lesen ständig meine Loyalitäten geändert haben. Bei den meisten Figuren konnte ich lange nicht herausfinden, auf wessen Seite sie nun standen, ob sie nur für sich selbst handelten und wem ihre Hilfe galt. In vielen Fällen wurde ich ordentlich hinters Licht geführt, genial!


Mia Faber: Unruh — Das Ticken des Uhrwerks. Art Skript Phantastik, 2016, 600 Seiten.

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